Datacenter: 5.000 MW Ausbau verschärfen Streit um Strom & Wasser

Rechenzentren: 5.000 MW Ausbau verschärfen Streit um Strom und WasserMehr als 100 Rechenzentrumsprojekte sind in Deutschland geplant oder angekündigt. 81 davon stehen für rund 5.000 MW zusätzliche Anschlussleistung. Kritiker warnen vor hohem Strom- und Wasserverbrauch, fehlender Bedarfsplanung und mangelnder Transparenz bei Bund und Kommunen. Zugleich ist offen, wie viele der angekündigten Projekte tatsächlich gebaut und dauerhaft ausgelastet werden.

Deutschland erlebt einen Rechenzentrumsboom, dessen tatsächliche Größenordnung bisher schwer zu greifen war. Das Projekt »Heiße Luft« von FragDenStaat, AlgorithmWatch, Leitmotiv und dem Heiße-Luft-Kollektiv will diese Lücke schließen. Die Initiatoren haben öffentlich zugängliche Angaben, Unternehmensmeldungen, Register, Amtsblätter und Informationen aus Behördenanfragen zusammengetragen. Ihre interaktive Karte enthält mehr als 100 geplante oder angekündigte Rechenzentrumsprojekte. 81 davon bewerten sie als ausreichend belastbar.

Werden diese Vorhaben vollständig umgesetzt, stehen nach Berechnung des Projekts rund 5.000 MW zusätzliche Anschlussleistung im Raum. Zum Vergleich: Laut Bitkom und Borderstep Institut kamen die Rechenzentren in Deutschland 2025 auf eine IT-Anschlussleistung von 2.980 MW. Die Bundesregierung will diese Kapazität bis 2030 mindestens verdoppeln. Die Anschlussleistung für HPC und KI soll sich mindestens vervierfachen.

5.000 MW sind Pipeline, keine Prognose

Die Zahlen lassen sich allerdings nicht einfach addieren. Die Projektliste beschreibt eine Pipeline und keine gesicherte Ausbauprognose. Manche Vorhaben befinden sich noch in einem frühen Planungsstadium. Einzelne Leistungsangaben beruhen auf Schätzungen und nicht jedes angekündigte Rechenzentrum wird tatsächlich gebaut. Hinzu kommt: Die in Projektunterlagen genannte elektrische Anschlussleistung ist nicht automatisch mit der von Bitkom ausgewiesenen IT-Anschlussleistung vergleichbar.

Wie groß die Ausbaupläne tatsächlich sind, kann derzeit offenbar auch der Bund nicht vollständig beantworten. Die Bundesregierung verfügt nach eigener Aussage über keine umfassende Übersicht über geplante oder im Bau befindliche Rechenzentren. Ein erstes Monitoring zur quantitativen Zielerreichung der Rechenzentrumsstrategie ist erst zum Ende der laufenden Legislatur vorgesehen.

»Wir schaffen dort Transparenz, wo der Staat sich verweigert«, sagt Joschi Wolf, Klimareferent bei FragDenStaat. »Oft wissen nicht einmal die Kommunen, in denen Rechenzentren gebaut werden sollen, welche Ressourcen sie verbrauchen.«

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18 TWh entsprechen rund 85 Prozent des heutigen Verbrauchs

»Heiße Luft« errechnet für die 81 Projekte einen zusätzlichen Stromverbrauch von mindestens 18 TWh pro Jahr, sollten sie vollständig realisiert werden. Zum Vergleich: Rechenzentren und kleinere IT-Installationen verbrauchten in Deutschland 2025 rund 21,3 TWh. Die geplanten Projekte kämen damit rechnerisch auf rund 85 Prozent dieses Verbrauchs. Das bedeutet nicht, dass sich der heutige Strombedarf einfach um diesen Wert erhöht. Nicht alle Projekte werden realisiert und die Angaben zu Leistung und Auslastung sind unterschiedlich belastbar. Die Relation zeigt aber, welche Dimension die derzeitige Projektpipeline erreicht hat. Der Bund erwartet für 2030 einen Stromverbrauch von 31 TWh und für 2045 rund 80 TWh.

Die Initiatoren verbinden ihre Karte deshalb mit der Debatte über Stromnetze, Wasser, Flächen und neue Gaskraftwerke. Sie zeigen unter anderem, welche Projekte in Regionen mit Grundwasserstress entstehen und wo parallel zusätzliche Kraftwerkskapazitäten geplant werden.

»Durch ihren enormen Strom- und Wasserverbrauch beeinflusst der massive Ausbau von Rechenzentren viele Menschen in Deutschland unmittelbar«, erklärt Physikerin Dr. des. Tiziana von Witzleben, Gründerin des Heiße-Luft-Kollektivs. »Die schnell steigende Zahl von Rechenzentren treibt den Einsatz fossiler Energieträger nach oben und befeuert damit die Klimakrise, außerdem sind durch den Wasserverbrauch Ressourcenkonflikte um das bereits jetzt schon knappe Grundwasser vorprogrammiert.«

Zweifel an bedarfsgerechter Planung

Die Initiatoren stellen zudem infrage, ob allen angekündigten Projekten ein entsprechender Bedarf gegenübersteht. »Unsere Karte zeigt, welches absurde Ausmaß der Rechenzentrumsboom angenommen hat«, sagt AlgorithmWatch-Manager Julian Bothe. »Häufig haben diese Projektankündigungen mit realen Bedarfen wenig zu tun. Angesichts dieser Dynamik brauchen wir dringend eine bessere Regulierung von Rechenzentren – und nicht weniger, wie es die Bundesregierung aktuell anstrebt.«

»Ohne klare Rahmenbedingungen und Planung der Nachfrage stürzen sich Projekt- und Immobilienentwickler sowie ausländische Investoren auf deutsche Kommunen, sichern sich Flächen und Strom, mit der Hoffnung, dass sich Abnehmer finden«, ergänzt Max Schulze, Co-Director von Leitmotiv. »Diese Art von Spekulation ist für Deutschland ein Risiko, denn die begrenzten Energieressourcen werden einer Branche zugeteilt, die diese oft gar nicht vollständig ausnutzt.«

Ausbau ja – aber wie viel wird wirklich gebaut?

Damit formulieren die Initiatoren einen deutlichen Gegenpunkt zur Rechenzentrumsbranche. Der Eco-Verband argumentiert seit längerem, Deutschland habe im internationalen Vergleich eher zu wenig digitale Infrastruktur. In der EU lag die Nachfrage nach Rechenzentrumskapazität 2025 laut Eco bei rund 15,3 GW, verfügbar waren demnach 12,4 GW.

Die Karte beantwortet nicht, welche Seite mit ihrer Einschätzung richtig liegt. Sie zeigt aber erstmals gebündelt, welche Größenordnung die angekündigten Projekte erreicht haben. Entscheidend wird sein, welche Vorhaben tatsächlich einen Netzanschluss, eine Genehmigung, Finanzierung und ausreichend Kunden erhalten. Erst dann lässt sich beurteilen, wie viel von den heute geplanten rund 5.000 MW tatsächlich gebaut wird – und wie weit Deutschland damit über die bislang erwartete Entwicklung hinausgeht.