20.05.2019 (ch)
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Achtung: Nur für (starke) Männer!

  • Inhalt dieses Artikels
  • Keine Emotionen im Business
  • Irgendwann ist das »Emotionsfass« voll
  • Leadership bedeutet für den Erfolg des Teams zu arbeiten
  • Appell an die Frauen
  • Gefühle, Wille, Vertrauen, Mut

Liebe Männer – ob in der IT oder in anderen Unternehmen (macht nicht wirklich einen Unterschied): Zur Abwechslung möchte ich mal nur Euch schreiben. Immer wieder lese und höre ich von vielen Menschen, die sich für Frauen und deren Gleichberechtigung in allen Bereichen einsetzen. Das ist toll. Immerhin bin ich auch eine Frau und heiße das aus vollem Herzen gut, weil es in der Tat noch viel zu tun gibt, dass Frauen in vielen - speziell im Business – Bereichen als gleichberechtigt gesehen werden. Das ist aber heute nicht mein Thema.

Ihr, liebe Männer, seid mein Thema. Ich habe ganz viele von Euch erlebt. Im Privatleben und ganz viele im Business-Umfeld – immerhin habe ich 30 Jahre in der IT-Storage-Branche verbracht, die von Männern dominiert wird. Immer noch, und damals noch mehr.

Auch für Männer: Stärke durch Emotionen im Business-Umfeld (Bild: Canva).Auch für Männer: Stärke durch Emotionen im Business-Umfeld (Bild: Canva).

Keine Emotionen im Business

Letzte Woche habe ich mit einem ranghohen Mitarbeiter einer UN-Organisation hier in Genf gearbeitet. Wir waren dabei, Sprache und Worte genauer anzuschauen und den Unterschied zu spüren, als er mir sehr offen sagte, dass »fühlen« oder generell Emotionen zeigen im Business-Umfeld schlicht und ergreifend nicht auf der Agenda stehe. Es geht doch um Analysieren, Denken, Logik und Stärke. »Und wenn ich auch innerlich koche oder unsicher bin, zeige ich das nicht nach außen.«

Nicht zum ersten Mal in meiner Karriere wurde mir bewusst: Ich glaube, Ihr habt es oft ganz schön schwer als Männer, speziell in Führungspositionen.

Ja, Ihr werdet nach wie vor für manche Jobs bevorzugt und manchmal traut man Euch mehr technisches Verständnis zu als den Frauen. Auch werdet Ihr nach wie vor oft noch besser bezahlt als Frauen in den gleichen Jobs.

Trotzdem seid Ihr nicht besser dran, wie sich immer wieder herausstellt, wenn ich mit Männern in verantwortungsvollen Positionen zusammenarbeite. Von einem Klienten hörte ich gar, dass er jeden Abend das Büro verließ und ihm dann im Auto zum Heulen zumute war, weil die Situation zwischen ihm und einem Kollegen »unaushaltbar« geworden war.

Positionieren, das Politisieren, »Stark-sein-müssen«, das am-Morgen-Maske-anlegen und den ganzen Tag aufrecht erhalten, in Meetings den anderen schon fast ins Wort fallen, damit Ihr Eure Expertise und Meinung unterbringt und um die eigene Position zu stärken, während Ihr die Ideen der anderen mit »ja, aber…« unterminiert.

Der Stress, wenn der Forecast massiv zu hoch ist und Ihr den Zielen hinterherrennt und nach außen entweder gespielte Gelassenheit (kriegen wir schon hin, haben wir doch immer) oder Frust auf »die höhere Ebene« zeigt (die spinnen doch, die Bosse/Amerikaner/wer-auch-immer).

Die Angst, im Zuge der sich ständig wandelnden Prozesse und Digitalisierung irgendwann von der nächsten Re-Organisation betroffen zu sein. Nicht mehr relevant zu sein. Und das mit all den Verpflichtungen, die den meisten von Euch im Leben auf den Schultern liegen.

Daher ja keine Schwäche zeigen, sondern Fassade bewahren.

Irgendwann ist das »Emotionsfass« voll

Da kann es dann schon mal passieren, dass Ihr dem Kollegen oder dem Mitarbeiter mal gründlich die Meinung geigt, wenn in das Fass der Emotionen halt nichts mehr reinpasst.

Kann ich gut verstehen – irgendwann ist halt mal Schluss, da machen Körper und Seele einfach sonst nicht mehr mit.

Ach, ist doch alles nicht mehr so, magst Du, lieber Mann, jetzt sagen. Hmm, ich sehe eine ganze Menge davon. Natürlich auch, weil Menschen zu mir kommen, wenn es was zu klären gibt oder wenn sie irgendwo feststecken – das beeinflusst natürlich meinen Fokus.

Und ja – ich sehe auch andere Beispiele an einigen Stellen. Männer, die echtes Selbstvertrauen haben, was dann nämlich auch heißt, Verletzbarkeit wie Unsicherheit oder Nichtwissen zu zeigen. Sprich auf eine Frage – selbst vom Boss – zu sagen: »Das weiß ich nicht – ich werde mich darum kümmern« oder »Was genau meinst du damit?«.

Leadership bedeutet für den Erfolg des Teams zu arbeiten

Ich erlebe auch Männer, die sich wichtig nehmen und sich um Ihre Gesundheit auf körperlicher und mentaler Ebene kümmern, aber nicht so wichtig, dass das Ego überhandnimmt. Männer, die wissen, dass das Richtige tun wichtiger ist als recht zu haben und Führung/Leadership nichts mit Position zu tun hat. Und auch solche, die klare Vorstellungen von Ihren Grenzen (nicht zu verwechseln mit Limitierungen) haben und diese auch respektvoll und klar einfordern und die sich trauen, Ihre Wahrheit zu äußern und trotzdem zuhören können und eher am Erfolg des Teams interessiert sind als nur an Ihrem eigenen.

Und auch diese Männer straucheln von Zeit zu Zeit. Wie jeder von uns – unabhängig vom Geschlecht. Und wenn Du das noch nicht alles so hinkriegst, kann ich das gut verstehen. Immerhin sind die Erwartungen von Familie, Gesellschaft, Eltern – Dir selber – wahrscheinlich ziemlich hoch. Vielleicht gibt es Momente, in denen Du dich fragst, was Du da eigentlich tust und kurzfristig der Gedanke aufkommt, ob Du im falschen Leben (oder Job) steckst.

Und dann doch wieder in die jahrelang antrainierten Muster fällst. Weil Du vielleicht glaubst: »Ich kann ja nicht anders« oder »so ist das halt«. Und ich kann das gut verstehen, dass sich das so anfühlen kann. Alleine das »nicht in Kontrolle fühlen« kann schon ganz schön belastend sein.

Ich bewundere Euch oft. Für das, was Ihr alles leistet. In Jobs und auch in Euren Familien.

Und manchmal finde ich einzelne Exemplare von Euch ziemlich bescheuert. Nämlich dann, wenn Ihr statt Verletzbarkeit zu zeigen, Eurem Ärger Luft macht.

Auf der anderen Seite geht dann auch mein Herz ein wenig mehr für Euch auf. Weil ich weiß, dass hinter dem nach außen manchmal fragwürdigem Verhalten ganz oft auch Unsicherheit steckt. Darüber, wie es denn anders gehen kann. Wie Ihr zu Euren Gefühlen stehen könnt oder diese sogar ausdrücken könnt, ohne Euch wie ein Idiot oder Schwächling zu fühlen. Egal ob im Job oder zuhause.

Auch wenn Du als Mann es vielleicht schon weißt: Auch Du darfst müde, enttäuscht und verletzt sein. Und Du musst auch nicht auf alles eine Antwort haben. Und nicht permanent stark sein.

Aus Studien weiß ich zwar, dass manche Menschen, spannenderweise speziell manche Frauen, nicht gut damit umgehen können. Viele wollen, dass Ihr offen über Gefühle redet, aber sie möchten Euch trotzdem immer stark sehen. Geht nicht zusammen.

Appell an die Frauen

Claudia Hesse, Faktor Mensch in der DigitalisierungClaudia HesseDaher ein Appell an die Frauen, die halt jetzt doch mitgelesen haben – auch hier egal ob im Job oder wenn es um Eure Partner geht: Gesteht den Männern in Eurem Leben, genau wie Euch selber ein, dass sie Verletzbarkeit zeigen – DAS IST STÄRKE, NICHT SCHWÄCHE!

Wenn sie sagen: Das weiß ich nicht.
Oder um Hilfe fragen.
Oder zugeben, dass sie Angst haben. Oder vollkommen überlastet oder überfordert sind.

Ich weiß schon – manchmal scheint das unmöglich oder undenkbar. Und in der Tat braucht es ganz viel Mut. Und Vertrauen – in Euch selber und die Menschen, von denen Ihr umgeben seid.

Nun höre ich quasi die Stimmen in meinem Kopf: »Pfft, so ein Quatsch, geht doch gar nicht, schon gar nicht im Business-Umfeld – mit der Familie kann ich ja mal drüber nachdenken (oder mache es sogar ab und zu).«

Gefühle, Wille, Vertrauen, Mut

Liebe Männer, doch, es funktioniert. Es braucht allerdings ein paar Voraussetzungen:

  • Die richtige Umgebung – das geht am besten dort, wo die Menschen sich vertrauen.
  • Die Bereitschaft die eigenen Gefühle überhaupt wahrzunehmen
  • Den Willen, hinzuschauen und auf die Maske zu verzichten
  • Ein paar gute Tools um zu lernen, wie damit umgehen und dich angemessen und wahrhaftig ausdrücken zu können.
  • Und massenhaft Mut.

Das gilt im übrigens nicht nur für Männer. Nur weil ich Frau bin, haben ich nicht automatisch zwangsläufig immer einen besseren Zugang zu dem, was tatsächlich in mir vorgeht. Und selbst wenn, heißt es nicht, dass ich immer gut damit umgehen kann. Auch ich lerne noch.

Eines ist allerdings klar für mich: Ich mag Euch Männer. Und liebe es, wenn ich mit Euch arbeite und Euch coache und der gefühlvolle, manchmal ganz sensible, oft humoristische, immer faszinierende und echte Mensch hinter der professionellen Fassade zum Vorschein kommt.

Dann fängt nämlich die richtige Unterhaltung an. Wenn Ihr mir erlaubt, Euch wirklich zu sehen. So, wie Ihr seid. Dann tun sich auf einmal Möglichkeiten auf, von denen Ihr vorher nur geträumt habt (im besten Fall). In Sachen innere Ruhe, Gelassenheit, vollkommen anderen Beziehungen UND Erfolg.

Wenn Ihr Euch nämlich erlaubt, Ihr selber zu sein, erlaubt Ihr das den Menschen (egal ob Männer oder Frauen) um Euch auch. »Was, Du weißt das auch nicht?« Und schon reden wir auf einer ganz anderen Ebene. Was könntet Ihr Zeit und Energie sparen, wenn Ihr Euch (zu)traut echt und menschlich zu sein.

Und für mich ist Eure Männlichkeit damit in keiner Weise bedroht. Eher im Gegenteil.

Ich sehe Euch. Und höre Euch. Und finde Euch (meistens) toll. 😉


PS: Hier geht’s nicht um Gefühlsduselei. Sondern darum echt zu sein. Mann und Mensch. Mit allen Aspekten – und nicht nur denen, die andere oder die Gesellschaft oder wer auch immer erwartet.

PPS: Hier gibt’s das Programm für Männer, die sich trauen.

PPPS: Was hatte das nun mit Digitalisierung zu tun – immerhin erscheint der Artikel in der Rubrik? Nichts und alles. In einer Welt mit so hohen Anforderungen an uns und schnellen Veränderungen tun wir gut daran, menschlicher, offener und ehrlicher miteinander umzugehen. Damit wir nicht nur bestehen, sondern mit Freude und Gelassenheit so leben und arbeiten können, wie wir es wollen