31.01.2019 (Doc Storage)
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Nervfaktor digitale Transformation – ein Rant

  • Inhalt dieses Artikels
  • Allmählich nervt es...
  • IT hat sich schon immer am Kunden ausgerichtet
  • Transformation ist nur ein Marketing-Begriff

Kolumne Doc Storage:

Jetzt ist es aber langsam mal gut – »Digitale Transformation«, »Der menschliche Faktor« und anderer Marketingschmonz.

Man mag ja in den letzten Monaten kaum noch eine Fachpublikation lesen. In jedem mehr oder weniger qualifizierten Blatt springt einen zigfach der Begriff »Digitale Transformation« an, begleitet von dem offenbar immer schicker werdenden Thema »menschlicher Faktor in der IT« und anderen romantisierenden Aspekten. Jeder »Berater«, (fast) alle Hersteller und – fast noch schlimmer – jede Führungskraft fühlt sich berufen oder genötigt, zu einem dieser Bereiche Stellung zu nehmen. Oder noch schlimmer, gleich zu beiden. Überall wird betont, dass es ja in unserem Bereich um den Menschen gehen sollte oder muss, dass wir diesen (Menschen) in den letzten Jahren völlig vernachlässigt hätten, und dass alles besser würde, wenn wir diesen Faktor nur mehr in den Mittelpunkt rücken würden.

Allmählich nervt es...

Damit man mich gleich richtig versteht und keine Auslegung meines Textes stattfinden muss: ALLES BLÖDSINN! Wir scheinen nun nicht mehr nur eine Sommer-, sondern auch eine Winterpause überbrücken zu müssen. Und schon springen überall die geliebten Marketeers aus der Hecke, schieben ihre möglichst weit oben angesiedelten Führungskräfte vor Mikrophone oder Kameras und lassen diese in schon erschreckender Eintönigkeit herunterbeten, was wir sowieso schon seit Jahrzehnten wissen. Kennen wir ja bereits von anderen Themen, aber so, in dieser Konzentration und Vehemenz, das ist neu.

Da stellt der eine fest, dass es sich mit intelligenten Menschen einfacher arbeiten lässt, und dass »Idioten« unsere Zeit rauben und an unseren Nerven zerren. Ach was? Erst jetzt, im Winter 2018/19? Wohl kaum. Da bemerken andere, dass sie sich mal mit ihren Kunden unterhalten hätten (oho, mal was Neues) und dabei herausgekommen wäre, dass man Menschen doch besser einsetzen könne als künstliche Intelligenz. Wer sich hier fragt, warum ich nicht nur die Stirn runzle, sondern in verzweifeltes Gelächter ausbreche, dem empfehle ich wärmstens die Lektüre der Schriften des Kollegen Joseph Weizenbaum (»Wo sind sie, die Inseln der Vernunft im Cyberstrom? – Auswege aus der programmierten Gesellschaft«, »Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft«, »Computermacht und Gesellschaft« und andere), allesamt schon mehrere Jahrzehnte alt. Damals wurde bereits, und nicht nur von Herrn Weizenbaum, auf genau diese Aspekte hingewiesen, und auch Wege zur vernünftigen Nutzung von Rechnertechnik in Industrie und alltäglichem Zusammenleben aufgezeigt.

IT hat sich schon immer am Kunden ausgerichtet

Wir in der EDV haben, nein, besser, wir mussten unsere Arbeit immer an den Bedürfnissen der Kunden, also menschlichen Wesen, ausrichten. Nicht erst seit Ende 2018. Wir mussten immer dafür sorgen, dass unsere Anlagen, unsere Anwendungen und deren Schnittstellen zu den Bedürfnissen der Fachabteilungen, der internen Nutzer und der Endanwender passten. Im Mittelpunkt unserer Arbeit stand nämlich seit Jahrzehnten nichts anderes als der »Faktor Mensch«, ob nun als Anwender von Unternehmensprogrammen oder als Käufer von tausenderlei Produkten. Schlichtweg, weil sich unsere Arbeit nicht bezahlt und wir uns damit sehr schnell selbst obsolet gemacht hätten, wenn niemand mit unseren Schnittstellen oder anderen Ergebnissen unserer Arbeit hätte umgehen können.

Ach ja – und dass ein Mensch immer universeller einsetzbar sein wird als eine »künstliche Intelligenz«, was immer das im Ende sein mag, ist keine neue Erkenntnis, sondern kann ebenfalls den Schriften des Kollegen Weizenbaum entnommen werden. Schriften aus den 60er und 70er Jahren des letzten Jahrtausends. Dafür benötige ich keine Umfragen von Marketingabteilungen oder »Beratern« bei was-weiß-ich wie vielen Kunden.

Und damit zum Thema mit dem höchsten Nervfaktor des letzten Jahres, der sogenannten »digitalen Transformation«. Ganz davon abgesehen, dass mir keiner bisher genau und zielführend sagen konnte, was das überhaupt sein soll, dass mir zehn Befragte bei Herstellern oder Beratern zwanzig unterschiedliche Definitionen geben. Wir »transformieren« hier überhaupt nichts.

Transformation ist nur ein Marketing-Begriff

Zur Erinnerung: »Transformation« kommt vom lateinischen »transformatio«, also »Umformen«. Wenn ich es recht verstanden habe, und man sehe mir meine Dummheit nach, da ich wie gesagt zwanzig Antworten von zehn Leuten bekommen habe, meint die »Branche«, also besser deren Marketingabteilungen, damit die Überführung analoger Geschäftsprozesse in Arten der elektronischen Datenverarbeitung. Und wieder kann ich nur noch verzweifelt nach Luft ringen. Man zeige mir mal einen Kleinbetrieb, einen Mittelständler oder einen Konzern, der die Prozesse, die auf EDV umzustellen waren, nicht schon längst dorthin verfrachtet hat. Alle Geschäftsabläufe, bei denen dies möglich war, sind schon irgendwie auf einen Rechner geflossen. Niemand, wirklich niemand, auch der kleinste Schumacher an der Ecke nicht, arbeitet heute noch mit papierbasierter Buchhaltung, Personalabteilung oder Logistik- und Fertigungsprozessen. Schon allein, weil die anderen es auch machen, und es verdammt viel Zeit und Personal spart. Wir lassen uns hier also eine Diskussion über etwas aufzwingen, was schon längst und vor Jahren stattgefunden hat.

Die einzige »Transformation«, die uns die Industrie überhelfen will, ist diejenige von Kapital (des Kunden) in anderes Kapital (der Hersteller und Berater). Da werden monate- oder jahrelang Datenanalysen durchgeführt, wehrlosen (weil ahnungslosen) Anwendern völlig überteuerte und im Ende nutzlose »Big Data«-Maschinen und -Software »angedreht«. Oh ja, natürlich mit künstlicher Intelligenz, und am Ende wird sowieso wieder alles so gemacht wie vorher.

Also, bitte, liebe Führungskräfte, Berater und Hersteller – sucht Euch bitte ein Thema, was den Anwendern, großen wie kleinen, wirklich weiterhilft, und nicht nur Eurem eigenen Umsatz nützt. Und jetzt tut mir den einen Gefallen, und erspart uns hier draußen diese völlig überflüssigen Beiträge.

Und nein, dies ist kein »Rant«, auch wenn es da steht… 😉

Gruß
Doc Storage

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Kommentare (1)
29.07.2019 - HM

Danke für die klaren Worte. Ich ärgere mich ebenfalls über diesen modernen Unsinn. Da rotten sich Bedenkenträger zusammen, erfinden sinnfreie Begriffe und wettern mit schnödem Populismus gegen IT-Projeke, als hätten sie ganz neue Probleme entdeckt und müssten uns aufklären.
Seit Jahrzehnten gehören fundierte Erfahrungen zur Ausbildung und es gibt sehr gute Abhandlungen über Erfolgsfaktoren und Stolpensteine in IT-Projekten.
Es bleibt zu hoffen, dass die selbsternannten Experten sich woanders wichtig machen oder sich über eine erfolgreiche Ausbildung tatsächlich sachkundig machen.