Rechenzentren: Viel Strom, wenig Überblick

Rechenzentren: Viel Strom, wenig ÜberblickDer Stromverbrauch britischer Rechenzentren ist von 2020 bis 2024 um 41 Prozent gestiegen. Besonders rund um London wächst der Energiebedarf deutlich. Doch wie viel Strom die Anlagen insgesamt benötigen, ist unklar. Auch Deutschland hat trotz gesetzlicher Meldepflicht keine vollständige Übersicht über den tatsächlichen Verbrauch.

Der Stromverbrauch der erfassten britischen Rechenzentren ist zwischen 2020 und 2024 um 41 Prozent gestiegen. Nach Berechnungen des britischen Energieministeriums Department for Energy Security and Net Zero (DESNZ) bezogen die Anlagen 2024 rund 4,5 Terawattstunden (TWh) Strom aus dem öffentlichen Netz. Das entspricht etwa zwei Prozent des landesweiten Netzstromverbrauchs.

Der nationale Anteil wirkt überschaubar. Regional sieht es jedoch ganz anders aus. Der größte Teil des Verbrauchs konzentriert sich auf London und Südostengland.

Auf London und Südostengland entfielen 2024 zusammen rund 3,5 TWh und damit 77 Prozent des erfassten Rechenzentrumsverbrauchs. Allein in Slough, westlich von London, bezogen die Anlagen rund 1,3 TWh Strom. Das waren 65 Prozent des örtlichen Netzstromverbrauchs.

Zwischen 2020 und 2024 hat sich der Strombedarf der Rechenzentren in Slough etwa verdoppelt. Das Ministerium führt den Anstieg auch auf neue Standorte zurück.

Im benachbarten Londoner Bezirk Hillingdon stieg der Verbrauch sogar auf das Fünffache. Dort benötigten vor allem bereits bestehende Rechenzentren mehr Strom. Zusammen waren Slough und Hillingdon für den größten Teil des landesweiten Zuwachses verantwortlich.

Netzanschlüsse werden zum Standortfaktor

Die Zahlen verdeutlichen, warum nationale Durchschnittswerte für die Standortplanung wenig aussagen. Für Betreiber zählt vor allem, ob das örtliche Stromnetz ausreichend Anschlussleistung bietet. Dabei geht es nicht nur um neue Rechenzentren, sondern auch um die Erweiterung bestehender Anlagen.

Wie sich der steigende Bedarf auf die europäischen Stromnetze auswirken könnte, zeigt auch eine Prognose von Moody’s. Die Ratingagentur erwartet erhebliche Investitionen in den Netzausbau. Deren Kosten könnten über Netzentgelte teilweise bei Unternehmen und Privathaushalten landen. Mehr dazu im speicherguide.de-Beitrag »Moody’s: Rechenzentren erhöhen Druck auf Europas Stromnetze«.

Tatsächlicher RZ-Stromverbrauch weitgehend unbekannt

Wie viel Strom britische Rechenzentren tatsächlich benötigen, lässt sich bislang nicht vollständig erfassen. Für 2023 ermittelte das DESNZ anhand von Stromzählerdaten einen Verbrauch von 4,1 TWh. Der britische Netzbetreiber National Energy System Operator (NESO) schätzte dagegen 7,6 TWh.

Der Unterschied liegt vor allem in der Erhebungsmethode. Während das Ministerium gemessene Verbrauchswerte auswertet, rechnet NESO mit installierten Kapazitäten und Annahmen über deren Auslastung.

Bein uns ist es nicht besser, auch in Deutschland ist die Datenlage ebenfalls lückenhaft. Nach einer Studie von Bitkom und Borderstep benötigen Rechenzentren und kleinere IT-Installationen 2026 voraussichtlich rund 23 TWh Strom. Eine vollständige amtliche Verbrauchsbilanz gibt es jedoch nicht. Zwar müssen größere Rechenzentren seit 2024 Verbrauchsdaten melden. Im öffentlichen Register waren zuletzt aber nur 319 Anlagen aufgeführt. Das Umweltbundesamt kritisiert erhebliche Lücken und Fehler in den Angaben. Auch zahlreiche internationale Betreiber fehlen. Damit bleibt in beiden Ländern unklar, wie hoch der tatsächliche Stromverbrauch aller Rechenzentren ist.

Damit bleibt in beiden Ländern unklar, wie viel Strom Rechenzentren tatsächlich verbrauchen. Das ist keine statistische Nebensache: Ohne belastbare Daten drohen Fehlplanungen beim Netzausbau. Die Folgen können verzögerte Rechenzentrumsprojekte, unnötige Investitionen und höhere Netzkosten sein.