10.07.2020 (Doc Storage)
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Genderkorrekte IT-Sprache – muss das sein?

  • Inhalt dieses Artikels
  • Neue Bezeichnungen sorgen für Verwirrung
  • Gendergerechte IT-Sprache: Blödsinn oder sinnvoll?

Kolumne Doc Storage:

Liebe Leser,

am Anfang dieser Woche ist mir aus CxO-Kreisen ein Dokument weitergeleitet worden, nachdem sich nun nach Meinung eines oder einer »Gleichstellungsbeauftragten« auch die EDV an eine »gendergerechte« IT-Sprache zu gewöhnen hätte. Mal ganz davon abgesehen, dass es mir schon vorher widerstrebt hat, unsere schöne, über Jahrhunderte entwickelte Sprache durch irgendwelche nichtsprechbaren Sternchen (Professor*innen), Unterstriche (Gender Gap, Professor_innen), oder Binnen-Is (ProfessorInnen) zu verhunzen, oder mir bei jedem geschriebenen Satz überlegen zu müssen, wie man etwas denn nun zwangsweise neutral ausdrücken könnte (»die Lehrenden«, »die Professur«…). Nein, nun sollen wir allen Ernstes auch gänzlich in nicht-menschlichem Zusammenhang gebrauchte Worte durch andere, politisch derzeit korrekte ersetzen:

  • »Master« und »Slave« durch »Leader« und »Follower«
  • oder »Primary« und »Replica«
  • »Whitelist« durch »Allowlist«
  • »Blacklist« durch »Denylist«
Alle »gegenderten« (stand da allen Ernstes!!!) Pronomen (z.B. »Jungs«) durch neutrale (z.B. »Leute«) »Manntage« durch »Personentage«, »Dummy« durch »Placeholder« und – am besten, »Sanity Check« durch »Quick Check«.

Neue Bezeichnungen sorgen für Verwirrung

Dies ist nur ein kurzer Auszug aus dem A4-Papier, nach dem wir uns in Zukunft bei einem großen Kunden zu richten haben. Das zeigt einmal mehr, wie wenig sich diese Herrschaften, überhaupt mit den Themenbereichen beschäftigen und uns mit diesem Blödsinn in den Wahnsinn treiben.

Erstens werden alle hier zu ersetzenden Begriffe, bis auf »Jungs« – was keiner ernsthaft jemals in einer Nachricht oder noch besser in einem Dokument benutzt hat – auf technische Definitionen bezogen. »Manntage« habe ich selbst schon Jahre nicht mehr gehört oder gelesen, heute geht es nur noch um »FTEs«, um Full-Time-Employees. Und das dürfte ja wohl neutral genug sein.

»Master« und »Slave« bezieht sich in den meisten Fällen auf Festplattenkonfigurationen oder andere technische Auslegungen. Mir ist nicht bekannt, dass jemals irgendeine Festplatte unter dem schrecklichen und widerlichen Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika gelitten hat.

»Blacklist« und »Whitelist« bezieht sich mitnichten auf Hautfarben, oder – bevor mir jemand damit kommt – darauf, dass Weiß in irgendeinem Falle besser ist als Schwarz. Vielmehr geht es darum, dass Licht auf eine Sache fällt, auch mehr in übertragenem Sinne. Die Einträge in einer Whitelist kommen zustande, indem man sich jeden einzelnen Eintrag anschaut und auf seine Auswirkung auf irgendein Thema analysiert, die Einträge einer Blacklist einfach nur dadurch, dass man diese auf die Liste setzt, ohne sie weiter zu analysieren.

Warum ich einen Dummy, der im schlimmsten anzunehmenden Fall als Begriff eine Schaufensterpuppe oder Attrappe repräsentiert, nun ersetzen soll, müsste mir jemand aus der einschlägigen Gemeinschaft einmal näher erklären. Hier ist in keinem Fall ein dummer (Mensch) gemeint, sondern eben eine Datei, die keine verwertbaren Daten enthält, oder eben ein Modell einer Hardware, die zwar verbaut ist, aber funktionslos ist.

Wie nun aber der »Sanity Check«, also die Plausibilitätsprüfung, auf diese Liste geraten ist, das kann ich mir in den buntesten Gedanken nicht ausmalen. Vielleicht kann mir ein Leser erklären, was der Begriff hier soll.

Gendergerechte IT-Sprache: Blödsinn oder sinnvoll?

Alles in allem, es scheint weiter zu gehen mit der zwangsweisen politischen Korrektur unserer Sprache. Wie oben zu sehen, werden tatsächlich auch bisher neutrale technische Geräte und Vorgehensweisen in diese Richtung korrigiert, und unsere tagtäglichen sehr bewährten technischen Ausdrücke in neue, völlig sinnfreie Schablonen gedrückt. Es bleibt bloß zu hoffen, dass diese Leute sich in kürzester Zeit wieder auf das konzentrieren, was ihre sehr ehrenvolle und unterstützenswerte Aufgabe ist: der Schutz von Menschen, die durch andere physisch und verbal unterdrückt werden. Aber bitte, lasst unser Fach damit in Ruhe!

Oder, wie stehen Sie zu politisch korrekten Fachbegriffen?

Gruß
Doc Storage

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Kommentare (5)
10.07.2020 - gnu

Hallo zusammen,
also ich finde das Größtenteils alles richtig, was ich hier lese, denke aber schon, dass es ein Einfaches ist, die Sprache anzupassen ohne die inhaltliche Zielgerichtetheit zu verlieren. Wenn es denn möglich ist, würde ich es auch tun. Ich persönlich bin bei den genannten Kategorien nicht tangiert, aber vielleicht ja jemand anderes, in dessen/deren Haut in nicht stecke, und dem/die das ärgert... Primär wichtig ist es in der IT natürlich nicht. Aber klar ist auch, dass es wie viele andere Bereiche auch noch patriarchal geprägt ist (mit Ausnahmen): Techniker, Sales männlich, Marketing und Assistenzen weiblich...Alles was Abbild der Gesellschaft ist, und was nicht ok ist und geändert gehörte, von mir aus gerne per Sprache. Zugegeben, IT-Fachsprache ist jetzt nicht der erste nahe liegende Ansatz. Aber Selbstdarstellung ist nun mal der einzige Beitrag, den diese Nische zu dem Thema beizutragen hat

Jung-dumm gibt es nicht, genauso wenig wie weiblich un-technisch, alt störrisch oder migrations-bedingte Limitation...hoffe ich!

Danke Doc Storage für das Thema :)

VG Michael Baumann

10.07.2020 - kfr

Vielen Dank für Eure Gedanken, hier in den Kommentaren und auch via E-Mail. 🙏

Ich gehöre auch zu denjenigen, die direkt sagen, so ein Quatsch. Hier über andere Bezeichnungen nachzudenken und über alles die Diskriminierungskeule zu schwingen, ist verlorene Zeit, braucht keiner…

Aber ja, die Sprachen verändern sich und ja, Veränderungen sind nicht jedermanns Sache. Ich mochte Raider sehr, Twix esse ich kaum noch… Was soll ich sagen!? 👀

An jungdumm vs. altklug ist auch viel dran. Wenn ich mich heute, »liebevoll« an die 80ger erinnere, als ich Master/Slave gejumpert habe. Geht’s eigentlich um das Jumpern und nicht welche Bezeichnung die Einstellung hatte. Wir konnten damals noch manuell etwas an den Devices herumwurschteln, das geht heute ja so gut wie nirgends mehr. Und rückblickend gehörte ich damals für die älteren Kollegen ziemlich sicher auch zu den Jungdummen.

Wahrscheinlich werden wir künftig zweigleisig unterwegs sein. Wenn die Chefetage befiehlt bestimmte Begriffe nicht mehr zu verwenden, können wir uns offiziell nicht wirklich dagegen wehren. Techniker unter sich, werden sich auch weiterhin in ihrem gewohnten Slang unterhalten und das ist auch gut so. 😉

10.07.2020 - Claudia Hesse

Wie immer ist alles, was ins Extrem geht, daneben. Die Frage, die sich natürlich stellt: was ist extrem? Das liegt natürlich im Auge des Betrachters. Von daher gibt es wohl keine einfache Antwort, weil es hier - wie überall im Leben oder Job - so ist, dass wir es einfach nicht allen recht machen können.

ich habe zwar eine Meinung (wie fast jeder), aber eine Lösung, die wirklich klasse ist, liegt auch nicht in meiner Schublade.

Sicher macht es Sinn, Begriffe - soweit wie es geht und Sinn macht (Sinn = gesunden Menschenverstand einschalten...ich weiss, ich weiss, ist manchmal schwer zu finden) gender neutral zu halten - allerdings nur dort, wo das Wort an sich nicht schon ein Gender hat - dann wird's künstlich.

Politisch korrekte IT-Begriffe? Hmm, das mit der Black- und Whitelist finde ich persönlich für komplett daneben - hat sich wohl aus eher aus dunkel und hell ergeben - hell wird eben als angenehmer empfunden - den Zusammenhang mit Hautfarbe zu ziehen, sehe ich persönlich an den Haaren herbeigezogen....aber wir schon gesagt, liegt das alles im Auge des Betrachters.

10.07.2020 - Jobe

steile Vorlage,
Diskriminierung ist bäh aber lasst mich bitte damit in Ruhe ...
Sprache(n) (ver)ändern sich,
nur mögen viele Leute Veränderungen nicht,
leider geht es hier nicht um die eigene Bequemlichkeit.
Viele sehen hier keine Notwendigkeit weil es ja nur die anderen betrifft und die sollen sich nicht so haben oder wie?
Mein Vorposter gibt hier auch gleich ein Beispiel, Jungdummen ... ist er also Altklug? ich befürchte leider nicht ... manch einer könnte sich hier unwohl fühlen mit dieser Bezeichung

10.07.2020 - wmetterhausen

Noch dummer ist die Forderung auf white hat / black hat "Hacker" (oder was auch immer diese Hüte trägt) zu verzichten. Diese Korrektmenschen habe nie Schwarzweiss-Filme gesehen. Für die Jungdummen: die bösen Cowboys hatten schwarze Hüte, die Guten weiße.

Ich denke, das Ganze ist ein Compliance Auswuchs: Hauptsache, es sieht korrekt aus. Was sich drunter verbirgt - da denken wir lieber nicht drüber nach.


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