KI-Zugänge: Schwarzmarkt umgeht MFA mit Session-Tokens
Gestohlene Session-Tokens und missbrauchte Gratis-Credits speisen einen wachsenden Schwarzmarkt für KI-Zugänge. Okta Threat Intelligence dokumentiert Kontenübernahmen ohne erneute Passwort- und MFA-Abfrage sowie automatisierte Fake-Registrierungen. Für Unternehmen drohen hohe Kosten und neue Risiken für Identitäten und API-Zugänge.
Für Security-Teams wird der Zugang zu KI-Diensten damit zu einem eigenen Identitätsrisiko. Okta Threat Intelligence (OTI) beschreibt zwei Wege, über die Cyberkriminelle verbilligten Zugriff auf aktuelle KI-Modelle verkaufen: Sie übernehmen bestehende Konten oder legen automatisiert neue Accounts an, um Gratis- und Start-up-Credits auszuschöpfen.
Bei Kontenübernahmen stehen Session-Tokens und API-Keys im Mittelpunkt. Infostealer lesen sie aus Browsern infizierter Rechner aus. Wird ein gültiges Session-Token erneut verwendet, übernimmt der Angreifer eine bereits authentifizierte Sitzung, ohne sich erneut anzumelden. Microsoft beschreibt einen solchen Token-Replay nach Device-Code-Phishing: Der Angreifer konnte das kompromittierte Token erneut verwenden und MFA damit effektiv umgehen. Bei AiTM-Phishing können Angreifer ebenfalls Sitzungstokens abgreifen.
Wie groß solche Datensammlungen werden können, zeigt eine OTI-Auswertung vom 2. August 2026. Ein sieben GByte großer Infostealer-Dump enthielt Daten von 5.871 infizierten Rechnern aus 162 Ländern. Die Forscher fanden Tausende gültige Session-Tokens großer Technik- und KI-Anbieter sowie 24 noch gültige API-Keys von vier KI-bezogenen Diensten. Von 44.791 ausgewerteten JSON Web Tokens (JWT) enthielten 17,7 Prozent personenbezogene Daten wie Namen, Telefonnummern oder E-Mail-Adressen im Klartext.
Fake-Konten verwerten Gratis-Credits
Das zweite Geschäftsmodell setzt auf massenhafte Neuregistrierungen und den Weiterverkauf verbilligter KI-Zugänge. Dienste wie Poison Claude oder Ecomagent.in bieten laut OTI Abschläge von 70 bis 90 Prozent gegenüber regulären Abos. Finanziert werden solche Angebote unter anderem über Bonus- und Start-up-Credits, die mit automatisiert angelegten Konten eingesammelt werden.
Anthropic beschreibt in seinem Threat-Intelligence-Report vom September 2026 eine ähnliche kriminelle Lieferkette. Gestohlene API-Keys und Session-Tokens gelangen demnach über Broker an betrügerische KI-Reseller. Diese ersetzen kompromittierte Zugangsdaten, sobald deren Kontingente aufgebraucht sind. Anthropic beobachtete außerdem gefälschte KI-Dienste, die günstigen Modellzugang versprachen, aber Schadsoftware zum Abgreifen von Zugangsdaten verteilten.
Wie stark solche Registrierungen automatisiert werden, zeigt ein von OTI beobachteter KI-Videoanbieter. Innerhalb eines Monats erfasste OTI mehr als 105.000 Brute-Force-Registrierungsversuche von nur 251 IP-Adressen. Zum Einsatz kamen unter anderem Wegwerf-E-Mail-Domains und chinesische E-Mail-Dienste. OTI hält es auf Basis dieser Daten für sehr wahrscheinlich, dass Nutzer in China auf diesem Weg regionale Zugriffsbeschränkungen auf US-KI-Modelle umgehen.
Session-Überwachung und begrenzte API-Keys
Für Unternehmen ist die Kombination aus gestohlenen Zugangsdaten und nutzungsabhängiger Abrechnung besonders heikel. OTI nennt drei Fälle: Ein Softwarearchitekt erhielt eine Rechnung über 25.000 US-Dollar für nicht autorisierte KI-Nutzung, bei einer KI-Testorganisation wurden KI-Credits im Wert von 600.000 US-Dollar über einen gestohlenen API-Key missbraucht, und bei einem weiteren Unternehmen summierte sich der Schaden auf fast eine Million US-Dollar. Der Missbrauch kann damit erhebliche Kosten verursachen, bevor er erkannt und gestoppt wird.
Okta empfiehlt, laufende Sitzungen auf Token-Wiederverwendung und auffällige Kontextwechsel zu überwachen und kompromittierte Sessions zentral zu beenden. API-Keys sollten mit Nutzungslimits und IP-Allowlisting eingeschränkt werden. Für Fake-Registrierungen nennt OTI Passkeys. Gegen bereits gestohlene Session-Tokens oder API-Keys schützen Passkeys allein jedoch nicht.
»Diese Sicherheitsforschung unterstreicht unsere firmenweite Annahme, dass die Zukunft der Cyber-Sicherheit zu einem großen Teil aus der Identitätssicherheit bestehen wird, denn je mehr KI-Modelle und KI-Agenten ausgerollt und eingesetzt werden, desto wichtiger wird es, den Zugriff zu verwalten - sowohl die Zugriffsrechte der Nutzer hin zu den Modellen, als auch jene der Modelle selbst«, erklärt Arkadiusz Krowczynski, Principal Product Acceleration Specialist bei Okta.