US-Infrastruktur boomt – doch Europa bleibt eine Blackbox

US-Infrastruktur boomt – doch Europa bleibt eine BlackboxUS-Anbieter melden kräftiges Wachstum bei Storage und Infrastruktur. Daraus lässt sich aber nicht ableiten, dass die europäische Souveränitätsdebatte folgenlos bleibt. Denn für Storage und nutzungsbasierte Angebote wie Storage-as-a-Service fehlen meist belastbare Europa-Zahlen, während der enorme KI-Investitionsboom vor allem in den USA stattfindet.

Die jüngsten Quartalszahlen der großen US-Infrastrukturanbieter fallen ausgesprochen stark aus. Dell Technologies meldet 26 Prozent mehr Storage-Umsatz, NetApp steigert den Gesamtumsatz um 30 Prozent und Everpure (ehemals Pure Storage) um 38 Prozent. Auch Nutanix wächst zweistellig.

Auf den ersten Blick spricht das nicht gerade dafür, dass die Diskussion über digitale Souveränität amerikanischen IT-Herstellern größere Probleme bereitet. Für Europa lässt sich daraus aber nur begrenzt etwas ableiten. Die meisten Anbieter weisen ihr Storage-, Infrastruktur- oder Consumption-Geschäft regional nicht fein genug aus.

Gleichzeitig ist digitale Souveränität längst ein Beschaffungsthema. Europäische Unternehmen beschäftigen sich mit Abhängigkeiten von außereuropäischen Cloud- und Technologieanbietern, dem US CLOUD Act und geopolitischen Risiken. Unsere These bleibt daher: US-Anbieter könnten in Europa unter Druck geraten, ohne dass sich dies in den globalen Quartalszahlen klar ablesen lässt.

Anzeige

Starke Quartalszahlen – aber kaum Europa-Daten

Die aktuellen Ergebnisse zeigen zunächst, wie stark das Geschäft insgesamt läuft. Bei den einzelnen Anbietern ergibt sich folgendes Bild:

• Dell: Gesamtumsatz 47,0 Milliarden US-Dollar, plus 58 Prozent. Storage-Umsatz 4,9 Milliarden US-Dollar, plus 26 Prozent. Im Vorquartal lag das Wachstum bei acht Prozent. Der Umsatz mit AI-Servern erreicht 16,4 Milliarden US-Dollar, der AI-Auftragsbestand 95 Milliarden US-Dollar.

• Netapp: Rekordumsatz von 2,03 Milliarden US-Dollar, plus 30 Prozent. Der All-Flash-Umsatz steigt um 47 Prozent auf 1,3 Milliarden US-Dollar. Public Cloud wächst um 28 Prozent.

• Everpure: Umsatz von 1,2 Milliarden US-Dollar, plus 38 Prozent. Die Subscription-Services legen um 20 Prozent auf 499 Millionen US-Dollar zu. Der Anbieter meldet zudem zunehmendes Geschäft mit AI- und Hyperscale-Projekten.

• Nutanix: Quartalsumsatz 757 Millionen US-Dollar, plus 16 Prozent. Der Annual Recurring Revenue steigt ebenfalls um 16 Prozent auf 2,55 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen nennt AI, Hybrid-Cloud-Projekte und digitale Souveränität als wichtige Investitionsfelder.

IBM: Der Konzernumsatz in EMEA steigt im zweiten Quartal 2026 um 4,1 Prozent, währungsbereinigt um 2,1 Prozent. Deutschland entwickelt sich dagegen rückläufig: minus 5,5 Prozent bzw. minus 7,5 Prozent währungsbereinigt. Diese Zahlen betreffen allerdings das gesamte IBM-Geschäft und nicht speziell Storage.

Für die eigentliche Frage nach Europa bleibt die Datenlage trotzdem dünn. Dell weist keinen EMEA-Storage-Umsatz aus, Everpure berichtet nicht separat über Europa und Nutanix veröffentlicht ebenfalls keine ausreichend granulare regionale Aufschlüsselung. Auch bei Netapp und IBM lässt sich aus den verfügbaren Regionaldaten nicht sauber herauslesen, wie sich Storage, Sovereignty-sensitive Projekte oder Consumption-Modelle in Europa entwickeln.

Dells AI-Server-Geschäft ist dreimal so groß wie Storage

Den Beleg liefert allerdings ein anderer Effekt: Der globale Infrastrukturmarkt wird derzeit von einem außergewöhnlichen AI-Investitionszyklus geprägt. Besonders deutlich zeigt sich das bei Dell. Im zweiten Quartal verbuchte der Hersteller AI-Server-Aufträge über 60,9 Milliarden US-Dollar und 16,4 Milliarden US-Dollar Umsatz mit AI-Servern.

Dells gesamter Storage-Umsatz lag im selben Quartal bei 4,9 Milliarden US-Dollar. Das AI-Server-Geschäft war damit beim Umsatz mehr als dreimal so groß wie Storage. Dell sieht zugleich zusätzliche Storage-Nachfrage durch AI-Workloads, weil große Datenmengen für Training und Inference bereitgestellt, bewegt und verwaltet werden müssen.

Auch Netapp nennt AI als Wachstumstreiber. Everpure meldet zunehmende Dynamik bei AI- und Hyperscale-Projekten. Bei Nutanix kommen AI-Infrastruktur und Sovereign AI zu Hybrid-Cloud, Plattformkonsolidierung und VMware-Migrationen hinzu.

77 Prozent der AI-Infrastrukturinvestitionen entfallen auf die USA

Wie stark die USA den AI-Boom derzeit dominieren, zeigen Zahlen von IDC. Die weltweiten Ausgaben für AI-Infrastruktur erreichten im vierten Quartal 2025 rund 89,9 Milliarden US-Dollar. Davon entfielen 69,2 Milliarden US-Dollar oder 77 Prozent auf die USA.

Die US-Ausgaben stiegen gegenüber dem Vorjahr um 81,5 Prozent. China kam auf 8,4 Milliarden US-Dollar, während Europe um 42 Prozent zulegte. Für 2026 erwartet IDC weltweit bereits 487 Milliarden US-Dollar Ausgaben für AI-Infrastruktur.

Diese Größenordnung verändert die Einordnung der Herstellerzahlen. Selbst schwächere Entwicklungen in einzelnen europäischen Ländern oder Segmenten können in stark wachsenden globalen Geschäften leicht untergehen. Das ist kein Beleg für Marktanteilsverluste in Europa, zeigt aber, warum globale Rekorde dafür kein brauchbarer Gegenbeweis sind.

Sovereign-Cloud wächst in Europa um 83 Prozent

Bei der Souveränitätsdebatte gibt es zugleich deutlich konkretere Marktsignale. Gartner erwartet für 2026 weltweit rund 80 Milliarden US-Dollar Ausgaben für Sovereign-Cloud-IaaS. Das entspricht einem Plus von 35,6 Prozent gegenüber 2025.

Europa gehört zu den Regionen mit dem stärksten Wachstum. Die Ausgaben sollen von 6,9 Milliarden US-Dollar 2025 auf 12,6 Milliarden US-Dollar 2026 steigen, also um 83 Prozent. Für 2027 prognostiziert Gartner 23,1 Milliarden US-Dollar und damit erstmals mehr als für Nordamerika.

Gartner erwartet außerdem, dass Sovereign-Cloud rund 20 Prozent bestehender Workloads von globalen zu lokalen Cloud-Providern verschiebt. Für diese Verlagerung verwenden die Marktforscher den Begriff »Geopatriation«. In einer weiteren Befragung gaben 61 Prozent der CIOs und IT-Verantwortlichen in Westeuropa an, wegen geopolitischer Entwicklungen stärker auf lokale oder regionale Cloud-Provider setzen zu wollen.

Sovereign AI verbindet beide Investitionstrends

AI und Souveränität entwickeln sich dabei nicht getrennt voneinander. Gartner erwartet, dass sogenannte Neocloud-Provider bis 2030 rund 20 Prozent des dann 267 Milliarden US-Dollar großen AI-Cloud-Markts erreichen. Einige dieser spezialisierten Anbieter kombinieren GPU-Infrastruktur ausdrücklich mit Anforderungen an Datenstandort, Betrieb und Governance.

Für US-Hardware-Hersteller muss diese Entwicklung nicht automatisch negativ sein. Ein europäischer Cloud-Provider kann weiterhin Dell-Server, Netapp-Storage oder Nutanix-Software einsetzen. Die Veränderung könnte sich daher zunächst stärker bei Betreiber, Vertragsmodell und Kontrolle zeigen als bei der eingesetzten Technik.

Das Modell könnte häufiger lauten: US-Technologie, europäischer Provider, europäisches Rechenzentrum. Für globale Hyperscaler wäre das ein tieferer Eingriff in das Geschäftsmodell als für Hardware- und Infrastrukturanbieter, die ihre Systeme weiterhin an europäische Betreiber verkaufen können.

Consumption-Modelle schaffen eine zusätzliche Abhängigkeit

Bei Storage-as-a-Service ist bislang ebenfalls kein klarer Rückzug erkennbar. Everpure baut Evergreen//One weiter aus, Netapp setzt auf Keystone und Dell auf APEX. Wie sich diese Modelle speziell in Europa entwickeln, lässt sich aus den veröffentlichten Zahlen jedoch nicht ablesen.

Gerade bei Consumption-Modellen kommt neben dem Standort der Systeme eine weitere Ebene hinzu. Ein Array kann im eigenen deutschen Rechenzentrum stehen und trotzdem einem amerikanischen Anbieter oder einem Finanzierungspartner gehören. Für Unternehmen, die Souveränität möglichst konsequent umsetzen wollen, kann diese Eigentums- und Vertragsabhängigkeit deshalb Teil der Beschaffungsentscheidung werden.

Daraus folgt nicht automatisch ein Zugriff US-amerikanischer Behörden auf die gespeicherten Daten. Es geht vielmehr um die Frage, welche rechtlichen und vertraglichen Abhängigkeiten ein Unternehmen zusätzlich akzeptieren will. Ob europäische Kunden deshalb künftig häufiger kaufen statt mieten, geben die Quartalszahlen bislang nicht her.

Globale Rekorde beantworten die Europa-Frage nicht

Die aktuellen Quartalszahlen zeigen eindeutig, dass die großen US-Infrastrukturanbieter derzeit sehr gute Geschäfte machen. Sie sagen aber wenig darüber aus, wie stark ihre Position speziell im europäischen Storage- und Infrastrukturmarkt ist. Dafür fehlen bei mehreren Herstellern die nötigen regionalen Segmentdaten. Die wurden aber auch in der Vergangenheit nur bekanntgegeben, wenn es außergewöhnlich hohe Wachstumsraten zu vermelden gab.

Gleichzeitig wächst Sovereign-Cloud in Europa stark, und Gartner erwartet Verlagerungen zu lokalen Providern. Das spricht dafür, die Souveränitätsdebatte nicht mit Verweis auf globale Herstellerrekorde abzuhaken. Ob daraus bereits messbare Marktanteilsverluste für US-Anbieter entstehen, bleibt offen.

Die belastbare Schlussfolgerung ist daher schmaler, aber aussagekräftiger: Der globale AI-Boom und die fehlende regionale Granularität verdecken, was im europäischen Geschäft tatsächlich passiert. Genau dort liegt derzeit die Blackbox.