Die USA und die Angst vor europäischer Datensouveränität

Die USA und die Angst vor europäischer DatensouveränitätDie USA machen aus ihrer Ablehnung von Datenlokalisierung und Datensouveränität kein Geheimnis mehr. Washington setzt seine Diplomaten darauf an, entsprechende Vorgaben weltweit politisch zurückzudrängen. Damit ist klar: Es geht nicht um Technik, sondern um Macht, Zugriff und Abhängigkeit.



Karl Fröhlich, speicherguide.deKarl Fröhlich, speicherguide.deWas lange wie der übliche Konflikt zwischen europäischer Regulierung und amerikanischen Geschäftsinteressen aussah, ist jetzt in aller Deutlichkeit als Machtpolitik erkennbar. Laut Medienberichten wie von Golem hat das US-Außenministerium seine Diplomaten per Rundschreiben angewiesen, weltweit gegen Datenlokalisierung und Datensouveränität vorzugehen.

Das Schreiben vom 18. Februar 2026, unterzeichnet von US-Außenminister Marco Rubio, fordert Botschaften ausdrücklich dazu auf, Vorgaben zur lokalen Datenhaltung zurückzudrängen, weil sie globale Datenflüsse behinderten. Begründet wird das mit den altbekannten Argumenten: zu teuer, zu ineffizient, schlecht für Innovation, schlecht für den Handel. Das klingt marktwirtschaftlich geschniegelt, ist in Wahrheit aber vor allem eines: ein sehr offenes Bekenntnis zu knallharter Interessenpolitik.

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Es geht nicht um Effizienz, sondern um Kontrolle

Denn natürlich geht es hier nicht nur um die Frage, wo Daten technisch liegen, wie Workloads verteilt werden oder welche Architektur gerade am elegantesten durch die Powerpoint gleitet. Es geht um Kontrolle über digitale Infrastruktur. Es geht um Rechtszugriff. Es geht um wirtschaftliche Abhängigkeiten. Und es geht um die sehr handfeste Erkenntnis, dass derjenige, der die dominierenden Cloud-Plattformen kontrolliert, eben nicht nur Rechenleistung verkauft, sondern gleich ganze Teile digitaler Wertschöpfungsketten mitbesitzt.

Genau deshalb ist Datensouveränität kein spleeniges Lieblingsprojekt europäischer Bürokratien, sondern ein nüchternes strategisches Prinzip. Daten, die hier entstehen, sollen möglichst auch hier einem Rechtsraum unterliegen, der hier durchsetzbar ist. Wer das für übertrieben hält, hat die letzten Jahre entweder verdrängt oder wollte es bequem haben. Der Cloud-Act ist schließlich nicht vom Erdboden verschwunden. Die Vorstellung, der physische Speicherort sei politisch irrelevant, war schon immer eher ein Glaubenssatz derer, die an günstigen und komfortablen Abhängigkeiten gut verdienen.

Europa muss digital erwachsen werden

Besonders aufschlussreich ist dabei der politische Stilwechsel. Früher konnte man solche Differenzen noch als Streit zwischen Märkten und Regulierern kleinreden. Heute wissen wir: Wenn europäische Staaten mehr digitale Souveränität wollen, reagieren die USA nicht nur mit Lobbydruck, sondern mit Diplomatie. Das ist die eigentliche Botschaft. Washington betrachtet Datensouveränität nicht als legitime politische Entscheidung anderer Staaten, sondern als Hindernis für die eigenen digitalen Interessen. Dahinter steht erkennbar die Furcht, Europa könne sich aus digitalen Abhängigkeiten lösen und damit die Dominanz amerikanischer Plattformen zumindest ein Stück weit begrenzen.

Europa muss diese Realität endlich zur Kenntnis nehmen. Nicht irgendwann, nicht nach der nächsten Strategie-Roadmap, nicht nach dem nächsten souveränen Cloud-Gipfel mit Häppchen und Sonntagsvokabular. Sondern jetzt. Denn digitale Infrastruktur ist kein neutraler Marktplatz. Sie ist ein geopolitisches Instrument.

Unternehmen und IT-Abteilung können sich ihre eigene Unabhängigkeit schaffen

Und diese Frage entscheidet sich nicht nur in Brüssel oder Berlin. Sie entscheidet sich auch in Unternehmen, Behörden und Rechenzentren. Jeder IT-Leiter beeinflusst mit seiner Anbieterwahl, wie abhängig seine Organisation morgen ist. Wer heute einkauft, als ginge es nur um Preis, Bequemlichkeit und ein paar schicke Cloud-Features, sollte sich später nicht über fehlende Souveränität beklagen. Abhängigkeit ist keine Naturgewalt. Sie ist oft genug das Ergebnis einer Beschaffungsentscheidung.

Amerika ist stolz auf seine Unabhängigkeit. Wir sollten daraus die richtige Lehre ziehen: Souveränität wird uns nicht geschenkt, wir müssen sie uns nehmen. Oder? Schreiben Sie mir gerne.

Ihr
Karl Fröhlich
speicherguide.de