Suse: Digitale Souveränität bleibt oft ein Lippenbekenntnis
Eine aktuelle Studie von Suse zeigt, dass digitale Souveränität für nahezu alle Unternehmen hohe Priorität besitzt. Gleichzeitig setzen jedoch nur etwas mehr als die Hälfte konkrete Maßnahmen um. Künstliche Intelligenz erhöht den Handlungsdruck, verschärft aber zugleich die Komplexität und Abhängigkeiten.
Der Open-Source-Anbieter SUSE hat im Rahmen der Veranstaltung SUSECON 2026 Ergebnisse der Studie »Navigating Digital Resilience« vorgestellt. Befragt wurden 309 IT-Führungskräfte aus mehreren Ländern, darunter Deutschland, die USA und Japan. Die Daten zeichnen ein ambivalentes Bild zwischen strategischem Anspruch und operativer Umsetzung.
Nahezu alle befragten Unternehmen messen der digitalen Souveränität eine hohe Bedeutung bei. 98 Prozent stufen sie als Priorität ein. Dennoch haben lediglich 52 Prozent konkrete Maßnahmen ergriffen. Die Diskrepanz zwischen strategischer Zielsetzung und tatsächlicher Umsetzung bleibt damit erheblich.
Ein Blick auf die Länder zeigt Unterschiede im Reifegrad. In Deutschland und Japan geben jeweils 57 Prozent an, aktiv in digitale Souveränität zu investieren. In den USA sind es 52 Prozent, während Frankreich mit 39 Prozent deutlich zurückliegt. Indien erreicht mit 62 Prozent den höchsten Wert.
Die Zahlen deuten darauf hin, dass digitale Souveränität häufig noch nicht als durchgängiges Transformationsprojekt verstanden wird, sondern eher punktuell umgesetzt wird.
Externer Druck bleibt zentraler Treiber
Ein wesentlicher Faktor für die Umsetzung ist weiterhin externer Druck. 41 Prozent der Unternehmen werden laut Studie erst aktiv, wenn Kundenanforderungen oder regulatorische Vorgaben dies verlangen.
Parallel dazu gewinnt das Thema auch in Beschaffungsprozessen an Bedeutung. 45 Prozent berücksichtigen digitale Souveränität in Ausschreibungen. 42 Prozent geben an, ihre Anbieterwahl daran auszurichten. Damit entwickelt sich das Thema zunehmend zu einem Auswahlkriterium in der IT-Strategie.
KI verstärkt Zielkonflikte und Abhängigkeiten
Künstliche Intelligenz wirkt in zweifacher Hinsicht auf die digitale Resilienz. Einerseits gilt sie als Treiber für Innovation und Effizienz. Andererseits erhöht sie die Komplexität von IT-Landschaften und verschärft Abhängigkeiten.
64 Prozent der Befragten sehen Transparenz bei KI-Systemen als entscheidenden Faktor für die künftige Resilienz. Dazu zählen insbesondere die Nachvollziehbarkeit von Trainingsdaten und die Herkunft von Modellen.
Gleichzeitig priorisieren Unternehmen Investitionen in KI häufig höher als Maßnahmen zur Sicherung der digitalen Souveränität. Selbst bei zusätzlichen Budgets fließt ein größerer Anteil in KI-Initiativen. Dies deutet auf einen zunehmenden Zielkonflikt zwischen Innovationsdruck und Kontrollanforderungen hin.
»Unternehmen sehen sich häufig mit der Entscheidung konfrontiert, ob sie den Einsatz von KI beschleunigen oder ihre digitale Souveränität erhalten wollen - doch das ist ein falscher Kompromiss« meint Margaret Dawson, Chief Marketing Officer bei Suse. »Sovereign AI schafft die Grundlage dafür, beides zu verbinden, indem Kontrolle, Compliance und Innovation gemeinsam verankert werden.«
Resilienz wird über Kontrolle definiert
Die Studie zeigt, dass sich das Verständnis von digitaler Resilienz verändert. Im Mittelpunkt steht nicht mehr ausschließlich Schutz vor Ausfällen oder Angriffen, sondern die Fähigkeit, Kontrolle über komplexe IT-Umgebungen zu behalten.
Zu den wichtigsten Maßnahmen zählen laut Befragung Cybersicherheit und Bedrohungserkennung mit 63 Prozent. Ebenfalls relevant sind Multi-Cloud- und Hybrid-Strategien mit 52 Prozent, um Abhängigkeiten zu reduzieren. Datensicherung und Wiederherstellung werden von 45 Prozent als zentral eingestuft, kontinuierliches Monitoring von 44 Prozent.
Diese Prioritäten verdeutlichen, dass Resilienz zunehmend als Zusammenspiel aus Sicherheit, Flexibilität und Datenkontrolle verstanden wird.
Hyperscaler bleiben zentral, trotz wachsender Vorbehalte
Trotz steigender Anforderungen an digitale Souveränität spielen große Cloud-Anbieter weiterhin eine wichtige Rolle. 65 Prozent der Unternehmen sehen Hyperscaler als relevant für den Betrieb souveräner Workloads.
Dies zeigt eine strukturelle Spannung. Einerseits sollen Abhängigkeiten reduziert werden, andererseits bleibt die Nutzung externer Plattformen für Skalierung und Innovation notwendig.
Regionale Unterschiede spiegeln unterschiedliche Strategiereife
Die Studie identifiziert zudem Unterschiede in der strategischen Ausrichtung. In den USA zeigen sich Unternehmen insgesamt optimistischer hinsichtlich ihrer digitalen Resilienz. 61 Prozent bewerten ihre Position positiv. 41 Prozent verfügen bereits über eine formalisierte Strategie zur digitalen Souveränität.
In stärker regulierten Märkten wie Deutschland und Japan sind die Ansätze differenzierter. Hier scheint die Umsetzung stärker von regulatorischen Anforderungen geprägt zu sein, was zu anderen Priorisierungsmustern führt.
Ergänzender Aspekt: Governance und organisatorische Verankerung
Ein zusätzlicher Aspekt der Studie ist die Rolle organisatorischer Strukturen. Unternehmen mit klar definierten Governance-Modellen für Daten, Infrastruktur und KI zeigen eine höhere Umsetzungsquote bei der digitalen Souveränität.
Dies legt nahe, dass nicht nur technologische Maßnahmen entscheidend sind, sondern auch die institutionelle Verankerung im Unternehmen. Ohne klare Verantwortlichkeiten und Richtlinien bleibt digitale Souveränität häufig ein strategisches Ziel ohne operative Durchschlagskraft.