18.12.2017 (kfr)
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Digitalisierung: Wo steht die deutsche Wirtschaft heute?

  • Inhalt dieses Artikels
  • Digitalisierung: Wo steht die deutsche Wirtschaft heute?
  • Digitalisierung: Wie lautet die Forderungen an die Politik?
  • Bitkom: Digital first und Digital für alle
  • Geschäftstätigkeit ohne personenbezogene Daten nicht möglich
  • Bitkom: Wir benötigen einen Neustart der Digitalpolitik

Die Digitalisierung bzw. digitale Transformation begleitet uns nun schon seit rund drei Jahren. Laut einer Bitkom-Umfrage haben sich aber knapp ein Viertel der befragten Geschäftsführer und Vorstände noch nicht mit dem Thema befasst.

Wir sprachen mit Christian Kulick, Mitglied der Bitkom-Geschäftsleitung über die Digitalisierung in Deutschland, die Rolle des Mittelstands und welches die dringlichsten Bedürfnisse sind, damit wir hierzulande schneller vorankommen.

  Herr Kulick, wo steht die Digitalisierung in deutschen Unternehmen heute?

Christian Kulick, Bitkom: »Wir brauchen einen Neustart für Deutschlands Digitalpolitik«Christian Kulick, Bitkom: »Wir brauchen einen Neustart für Deutschlands Digitalpolitik«Kulick: Grundsätzlich gilt: Die Digitalisierung wird immer weniger als große Herausforderung angesehen und immer mehr als »normale« unternehmerische Aufgabe. Dabei nimmt der Anteil der Unternehmen, die eine Digitalstrategie entwickelt haben, zu. Und mehr Unternehmen haben auf die Digitalisierung reagiert und profitieren, etwa durch zusätzliche Kunden.

  Ihrer Umfrage zufolge hat bereits jedes zweite Unternehmen (55 Prozent) infolge der Digitalisierung bestehende Produkte oder Dienstleistungen angepasst. Gilt dies tatsächlich auch für kleine und mittlere Unternehmen (KMUs)? Speziell KMUs fehlt es meist an Personal und Budgets.

Kulick: Unsere Studie zeigt an dieser Stelle keinen Unterschied zwischen kleineren Unternehmen mit 20 bis 49 Mitarbeitern, mittleren Unternehmen mit 50 bis 499 Mitarbeitern und großen Unternehmen mit 500 oder mehr Mitarbeitern. Anders sieht das Bild aus, wenn man sich anschaut, ob die Unternehmen völlig neue Produkte oder Dienstleistungen infolge der Digitalisierung anbieten. Hier sagen nur 38 Prozent der kleinen, aber 61 Prozent der großen Unternehmen, dass das auf sie zutrifft.

Grundsätzlich tun sich aber viele Mittelständler damit schwer, die Digitalisierung in ihrem Unternehmen zu gestalten. Wir haben aus diesem Grund einen Leitfaden »In 10 Schritten digital« veröffentlicht, der gerade kleinen und mittleren Unternehmen an dieser Stelle Hilfestellung geben will.

Digitalisierung: Wie lautet die Forderungen an die Politik?

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  Vor der Bundestagswahl hatte der Bitkom unter anderem gefordert, die Bildungslandschaft zu digitalisieren und die Weiterbildung im Berufsalltag zu fördern. Mittlerweile spricht auch die Kanzlerin davon, dass Digitalisierung wichtig ist. Was ist die Forderung an die Politik?

Zwei Drittel der Bundesbürger sehen die Digitalisierung als Chance (Grafik: Bitkom).Zwei Drittel sehen die Digitalisierung als Chance (Grafik: Bitkom).Kulick: Vor allem Alte, Arme und Ängstliche wurden von der Digitalpolitik bislang kaum adressiert. Bitkom schlägt daher ein umfassendes Maßnahmenpaket vor, das unter anderem die Gründung einer Bundeszentrale für digitale Bildung, digitale Streetworker und einen großen jährlichen Digitalkonvent vorsieht, der alle relevanten Organisationen aus Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zusammenbringt. Zudem muss das Kooperationsverbot im Bildungswesen abgeschafft und Schulen digitalisiert werden. Schülern werden in Deutschland nur unzureichend Digitalkompetenzen vermittelt. Schulformübergreifend müssen alle Schüler auf einem bundesweit einheitlich hohen Niveau Digitalkompetenzen erlangen können. Dafür brauchen Schulen digitale Infrastrukturen, digitale Curricula und digitalkompetente Lehrkräfte.

Aber wir dürfen uns nicht alleine auf die Schulen konzentrieren. Viele tradierte Berufe vom Automobilkaufmann bis zum Zahntechniker werden in den nächsten Jahren verschwinden oder marginalisiert. Neue Berufe entstehen, Anforderungsprofile verändern sich. Bitkom schlägt daher vor, mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ein Forschungsinstitut »Berufe mit Zukunft« aufzubauen, welches die Perspektiven von Berufsbildern und Kompetenzprofilen für die nächsten Dekaden qualitativ und quantitativ untersucht. Die Ergebnisse sollten unmittelbar in die Berufsberatung und die Bildungspolitik einfließen. Für Unternehmen müssen Anreize geschaffen werden, in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu investieren.

  Benötigen wir einen »Digitalisierungs-Minister«?

Kulick: Ein eigenes Digital-Ministerium wäre extrem aufgebläht und würde viele andere Ministerien entkernen. Der Vorschlag eines starken Staatsministers für Digitales im Kanzleramt ist da aus unserer Sicht deutlich zielführender.

Bitkom: Digital first und Digital für alle

  Der Bitkom fordert, Deutschland zum Knotenpunkt der digitalen Transformation zu machen. Können Sie das ausführen?

Digitalisierung bringt Unternehmen neue Kunden (Grafik: Bitkom).Digitalisierung bringt Unternehmen neue Kunden (Grafik: Bitkom).Kulick: Unser Ziel muss sein »Digital first« – und Digital für alle! Das bedeutet, Deutschland zum Gewinnerstandort der Digitalisierung zu machen. Wie das geht, haben wir in einer ganzen Reihe von Feldern bereits bewiesen. Nehmen wir das Beispiel Artificial-Intelligence (AI) – eines der wichtigsten Themen der digitalen Transformation. Informatiker und Ingenieure entwickeln derzeit AI-Lösungen von Weltformat in Deutschland, etwa die Technologie für autonome Autos oder medizinische Diagnoseunterstützung. Auch im 3D-Druck, einer der bahnbrechendsten Zukunftstechnologien schlechthin, sind deutsche Unternehmen weltweit führend. Wir brauchen uns nicht zu verstecken. Digital können wir.

Bitkom belässt es auch nicht bei der Forderung. Mit der hub.berlin haben wir eine Veranstaltung in Berlin etabliert, die einmal im Jahr Start-ups und Global-Player mit Mittelständlern, Wissenschaftlern und der Politik zusammenbringt. Es geht darum, Inspiration von digitalen Vordenkern, Technologie zum Anfassen und Praxistipps für das eigene Unternehmen an einem Ort erleb- und erfahrbar zu machen.

  Der Bitkom plant sogenannte Hubs der digitalen Transformation aufzubauen. Was genau darf man darunter verstehen?

Kulick: Die German Digital Hubs haben das Ziel, die Digitalisierung unserer Leitindustrien voranzubringen. Die Idee dazu wurde auf dem IT-Gipfel Ende 2015 in Berlin geboren. Schon ein Jahr später gingen die ersten fünf Hubs an den Start. Zum Digitalgipfel im Sommer dieses Jahres kamen sieben weitere hinzu. Die digitalen Hubs werden maßgeblich zum Gelingen der digitalen Transformation in Deutschland beitragen. Wir schaffen mit den Hubs Orte, an denen Digitalisierung praktisch erlebbar und gestaltbar wird. Vielen Unternehmen und gerade Mittelständlern fehlt es nicht an der Bereitschaft, die Digitalisierung in Angriff zu nehmen, sondern an konkreten Hilfestellungen, an Partnern und an einem Ort, um gemeinsam neue Technologien und Lösungen zu entwickeln und zu testen.

Geschäftstätigkeit ohne personenbezogene Daten nicht möglich

  Im Prinzip belegt die Bitkom-Studie, dass es in Deutschland gar nicht so schlecht um die Digitalisierungs-Bemühungen gestellt ist. Bei der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) stehen wir dagegen nicht ganz so gut da. Auf dem Weg zur Digitalisierung sollte der Datenschutz aber eigentlich ein zentrales Thema sein, oder?

Kulick: Datenschutz ist in der großen Mehrheit ein wichtiges Thema – schließlich sind Daten für die Unternehmen von herausragender Bedeutung. Praktisch keine Firma kann, einer aktuellen Bitkom-Studie zufolge, seine Geschäftstätigkeit ohne personenbezogene Daten aufrechterhalten. Daten müssen für organisatorische Zwecke verarbeitet werden, zum Beispiel um Rechnungen zu stellen, aber auch für Marketing- und Vertriebszwecke. Um Kontakt zu bestehenden und neuen Kunden zu knüpfen, werden entsprechende Datenbanken benötigt und genutzt. Gut jedes dritte Unternehmen nutzt personenbezogene Daten aber auch für die Verbesserung von Produkten und Dienstleistungen. Und vier von zehn Unternehmen sagen sogar, dass die Nutzung personenbezogener Daten Grundlage des eigenen Geschäftsmodells ist.

Was richtig ist: Viel zu viele Unternehmen haben sich bislang nicht mit der neuen Datenschutz-Grundverordnung beschäftigt. Ein Grund dafür ist auch, dass es eine große Verunsicherung bei den Verantwortlichen gibt. Der Umsetzungsaufwand für die Verordnung scheint schwer abzuschätzen, so dass Ressourcen im Unternehmen nicht geplant werden können. Es gibt eine Rechtsunsicherheit, da die Auslegung der Vorgaben durch die Datenschutzbehörden ungewiss ist. Und es fehlt den Verantwortlichen an praktischen Umsetzungshilfen. Andere Faktoren, wie etwa fehlende finanzielle Ressourcen oder ein Mangel an qualifizierten Mitarbeitern, werden dagegen deutlich seltener genannt. Die Ergebnisse unserer Studie zeigen eindrücklich, dass die Zeit für viele Unternehmen knapp wird. Wer die Datenschutz-Grundverordnung fristgerecht umsetzen will, der muss sich jetzt wirklich ranhalten.

Bitkom: Wir benötigen einen Neustart der Digitalpolitik

  Wo sehen Sie insgesamt die dringlichsten Bedürfnisse die es in den kommenden zwölf Monate umzusetzen gilt?

Kulick: Was wir brauchen, ist ein Neustart für Deutschlands Digitalpolitik. Neben Staat und Wirtschaft muss die Digitalpolitik künftig auch stärker auf die Gesellschaft ausgerichtet werden. Ziel muss sein, eine digitale Vision für Deutschland, Begeisterung fürs Digitale und Aufbruchsstimmung zu erreichen. Und dafür benötigen wir eine echte Strategie mit einem wirksamen Maßnahmenpaket und einem straffen Zeitplan. Bitkom hat daher eine ganze Reihe sehr konkreter Vorschläge für die kommende Legislaturperiode gemacht. Unser Programm »Digital für alle!« umfasst unter anderem Vorschläge in den Bereichen Bildung, Arbeit, Infrastrukturen, E-Government und digitale Transformation der Wirtschaft.