03.11.2017 (Doc Storage)
3.8 von 5, (6 Bewertungen)

Was ist eine bimodale IT?

Leserfrage: Mit einer bimodalen IT sollen sich Projekte schneller entwickeln lassen. Geprägt hat den Begriff wohl Gartner. Es gibt einige Artikel dazu, aber so richtig dahinter gestiegen bin ich nicht, was das nun sein soll. Vielleicht schaffen Sie es zu erklären, was eine bimodale IT sein soll? Was steckt dahinter und lohnt es überhaupt, sich damit zu beschäftigen?

Antwort Doc Storage:


Jetzt könnte ich schnell antworten: Eine neue Sau, von Gartner im Sommerloch geboren, ganz schnell durchs Dorf laufen lassen und dann vergessen. Aber dann werde ich wieder von den üblichen Verdächtigen dafür verhauen. Also, beschäftigen wir uns einmal mit dem nötigen Ernst damit…

Die bimodale IT soll dafür sorgen, dass traditionelle, kaum zu ändernde und stabile Kernsysteme in Unternehmen von solchen dem Kunden zugewandten, noch nicht etablierten und agilen Anwendungen zu trennen. Eigentlich hat dieses Wort in der EDV nichts zu suchen, aber ich benutze es trotzdem einmal, weil Gartner und die anderen Glaskugelleser das auch gern tun – klingt wohl toll. Hiermit soll den »neuen« Systemen eine Art Befreiung von den Leitplanken der traditionellen Datenverarbeitung (DV) und deren Entwicklung und Anpassung wesentlich schneller ermöglicht werden. So die Idee.

Hintergrund sind neuartige Sichtweisen auf die DV, wobei diese nicht mehr nur die zum Geschäftsbetrieb notwendigen Kernsysteme entwickeln und möglichst stabil und zuverlässig betreiben soll, sondern mit den Fachabteilungen zusammen völlig neue (disruptive) Anwendungen entwickelt und in den Betrieb bringt, dies auch und vor allem im Zusammenhang mit der viel gepredigten »digitalen Transformation«. Die hierfür notwendigen flexibleren Abteilungsstrukturen entsprechen allerdings meist nicht den bisherigen Strukturen der DV-Abteilungen, so dass von Analysten empfohlen wird, völlig neue Arbeitsbereiche mit an die neuen Ansprüche angepassten Aufstellungen zu schaffen.

Ansich eine schöne Idee, hört sich toll an – und jetzt kommt das Aber, für das ich wieder Prügel beziehen werde: Herrschaften, sowas machen wir seit Anbeginn der Zeit. Schon immer haben wir den Betrieb mit seinen Legacy-Kernsystemen gehabt, an denen sich nichts oder kaum etwas geändert und deren sicherer und unterbrechungsfreier Betrieb die Existenz des Unternehmens garantiert hat. Schon immer haben wir daneben F&E-Abteilungen, Systemprogrammierung, Betriebsvorbereitung oder wie es auch immer geheißen hat gehabt, welche nach Absprache mit den Fachabteilungen (und nur für die veranstalten wir den ganzen Rummel, ebenfalls seit Anbeginn der Zeit) neue Anwendungen und neue Prozesse entwarfen und diese möglichst schnell (weil jemand damit Geld verdienen oder Kosten vermeiden wollte) in den Betrieb überführten.

Bimodale IT ist also nichts als ganz alter Wein in noch älteren Schläuchen. Und nur, weil die Ursprünge dieser Vorgehensweise in Zeiten zurückzuführen sind, als die meisten Gartner-»Berater« noch das Glänzen im Auge ihrer Eltern waren, müssen wir an diesen auch heute nichts ändern. Ich muss schon ein wenig schmunzeln, da dieselben Berater noch vor Jahren eine möglichst homogene und dadurch ganz toll kostensenkende Abteilungsstruktur in der EDV empfohlen haben. Und nun merken sie, dass sie mit ihren eigenen Zielen nicht mehr zurechtkommen, und versuchen diese Fehler mit einem neuen tollen denglischen Begriff zuzukleistern.

Wenn Sie also eine vernünftige, weil nicht jedes Jahr an die Empfehlungen der Berater angepasste DV betreiben und somit sowohl über Betrieb als auch über Entwicklung verfügen, haben Sie alles, was Sie brauchen. Und komme mir jetzt niemand von den üblichen Verdächtigen und belehre mich über digitale Transformation und dass bei bimodaler IT etwas anderes gemeint sei als eine getrennte Entwicklungsabteilung. Es heißt nur anders, das Ergebnis ist dasselbe. Die interne DV in Unternehmen hat, wenn sie gut betrieben wurde und wird, niemals ein Eigenleben geführt und immer alle Prozesse mit ihren Kunden, also den Fachabteilungen abgestimmt. Alles andere ist eine Frage von Kommunikation zwischen den Unternehmensteilen, nicht von tollem neuen Beratersprech.

Gruß
Doc Storage



Stellen Sie Ihre Frage
Doc. tec. Storage beantwortet alle Ihre technischen Fragen zu Storage, Backup & Co.

Stellen Sie Ihre Frage an: DocStorage@speicherguide.de
Kommentare (2)
04.11.2017 - Bombastus

lieber docstorage, deine einlassung geht mir runter wie öl. sie könnte wort für wort von mir sein und nicht nur bezüglich „digitale transformation“.
chapeau
storage-altbär d. lieb

03.11.2017 - LHL

Der Doc scheint ja nur von Schlägern umgeben zu sein ;)
Ich stimme mit allen von ihm genannten Punkten überein - sehe aber zusätzlich schon noch kleine Unterschiede. Grundsätzlich sind für Kunden und F&E Abteilungen die Betriebsabteilungen mit ihren ganzen Prozessen und Vorschriften zu behäbig. Ein anderer schöner Begriff - Time to Market - wird dann ganz gerne heran gezogen. Mit Bimodaler IT - so mein Verständnis - möchte man eine bessere Agilität und kürzere ttm erreichen und dafür einiges an Prozessen und notfalls an Betriebsstabilität und -sicherheit über Bord werfen. Wohl wissend, dass es Kernsysteme gibt, die man aus solchen Überlegungen besser raus lässt. Dann kommen z.B. solche Lösungen wie Container (im Sinne von sehr agilem Softwaredeployment) und auch Organisationsformen wie DevOps (Development und Operations in gemeinsamen lösungsorientierten Teams) ganz gerne mal ins Spiel ... so viele schöne neue Wörter für Bullshit-Bingo ;)


Mehr von Doc. tec. Storage 23.08.2019 Was ist Computational-Storage?

In Verbindung mit einer schnelleren Datenverarbeitung fällt wiederholt der Begriff Computational-Storage. Angeblich soll es sich um eine spannende Zukunftstechnologien handeln, wie sehen Sie das und welchen Stand hat die Technik bisher?


02.08.2019 Soft-/Hardware: Wie Daten richtig verschlüsseln?

Eine Software-Verschlüsselung soll weniger Probleme verursachen, als eine Hardware-Verschlüsselung. Stimmt das? Was passiert, wenn der gewählte Verschlüsselungsanbieter nicht mehr verfügbar ist, wie kommt man dann an seine Daten?


12.07.2019 Analysten-Prognosen sind verschwendete Lebenszeit

Diesmal nimmt sich Doc Storage die Trendvorhersagen von Marktforschern vor. Seiner Ansicht nach ist vieles nur ein Blick in die Glaskugel, anderes dagegen so offensichtlich, dass es keine weitere Betrachtung benötige. Er hält diese Art von Info für verschwendete Lebenszeit.


28.06.2019 DSGVO bleibt aus DV-Sicht ein unsägliches Thema

Kolumne: Unser Doc Storage ist kein Freund der DSGVO. Dies hat er in mehreren Kolumnen klar formuliert. In seinem zweiten Teil zu »Ein Jahr DSGVO« fasst er nochmal zusammen, warum die Thematik aus seiner DV-Sicht für Firmen unsäglich ist.


14.06.2019 Ein Jahr DSGVO: Aufwand unerträglich hoch

Kolumne: Zur Einführung der DSGVO hat Doc Storage mächtig Dampf abgelassen. Ein Jahr später lässt kaum ein Verband ein gutes Haar an der Datenschutz-Grundverordnung. Der Aufwand für Firmen und IT-Abteilungen sei unerträglich hoch.


07.06.2019 Welchen Flash für welche Anwendung?

Vor rund sechs Jahren schickten sich Flash-Speicher an, sich in Computern und Storage-Systemen zu etablieren. Damals galten die Lösungen aber noch als proprietär. Wo steht die Technik heute und welcher Flash eignet sich für welchen Einsatzzweck?

powered by
Boston Server & Storage Solutions Itiso GmbH
Fujitsu Technology Solutions GmbH Infortrend
N-TEC GmbH FAST LTA AG
Datacore Software Seagate Technology
Folgen Sie speicherguide.de auch auf unseren Social-Media-Kanälen
Folgen Sie und auf Facebook Folgen Sie und auf YouTube Folgen Sie und auf Twitter