23.11.2018 (ch)
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Die 10 Erfolgsfähigkeiten der Zukunft – Ausblick 2022

Quelle: Future of Jobs Report 2018, World Economic ForumQuelle: Future of Jobs Report 2018, World Economic ForumGestern hatte ich ein langes Gespräch mit einem Change-Manager von einem der grössten und traditionellsten Unternehmen in Deutschland. Unser gemeinsames Thema: Die Veränderung von Organisationen (und den Menschen darin) im Rahmen der digitalen Transformation. Hochspannend und aufschlussreich – ich komme gleich darauf zurück.

Eines der Themen, über die wir gesprochen haben: Welche Fähigkeiten werden in Zukunft in der Wirtschaft überhaupt gefragt sein?

Sicher ist uns allen klar, dass die zunehmende Automation Jobs als auch Anforderungen an das, was wir Menschen tun, deutlich verändert. Laut dem WEF (World Economic Forum) wird die Automation von heute 29 Prozent auf zirka 52 Prozent in 2015 wachsen.

Jobs verschwinden – neue geschaffen...

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Neue Welt – neuer Mindset

Grafik: World Economic ForumGrafik: World Economic ForumUnd damit sind andere Fähigkeiten gefragt, die einen deutlich anderen Mindset voraussetzen als den, der heute vorherrscht. Im Kern geht es darum, vom loyalen Mitläufer oder Teamplayer zum lernbereiten Leader zu werden, der vernetzt denkt, fühlt und handelt, nach dem Motto – wir sitzen alle im gleichen Boot, lasst es uns gemeinsam angehen anstatt Silo-Denken und Wir-Ihr-Denken. Warum es oft nicht funktioniert, habe ich hier in dem Artikel über die 5 Gründe, warum Kollaboration scheitert, aufgeführt.

Übrigens: Leader hat nichts mit Position zu tun, sondern damit, wie wir uns verhalten. Sprich Leadership kann (und muss!) sich auf allen Ebenen des Unternehmens entwickeln und fängt bei jedem Einzelnen an (dazu bald mehr).

Aber zurück zu den Fähigkeiten, die laut WEF in den nächsten Jahren über alle Industriezweige an Relevanz zunehmen:

1. Analytisches Denken und Innovation
Spannend ist für mich, dass die beiden Fähigkeiten direkt an erster Stelle stehen und verknüpft sind. Ist doch analytisches Denken pragmatisch und basiert auf Daten und darin, Zusammenhänge beim »Big Picture« zu erkennen. Und Innovation ist eher kreativ. Neue Weg finden. Was im Übrigen nur wirklich in einer Umgebung stattfinden kann, die »sicher« ist, in der Fehler gemacht werden dürfen. Und final können in der Verbindung von Analyse und Kreativität die besten Ideen entstehen.

2. Aktives Lernen und Lernstrategien
Mal ganz ehrlich: Wann hast Du das letzte Mal eine Strategie für dein weiteres Lernen erstellt, während du in deinem Job bist? Nie? Dann bist Du garantiert nicht alleine. Die HR-Abteilungen diverser (grosser) Unternehmen stellen sicher eine Anzahl an Trainings zur Verfügung, in dem Menschen in einen Raum gepfercht werden, sich theoretisches Wissen aneignen, was sie dann vielleicht (oder oft nicht) in der Praxis anwenden können. Meistens sind diese Trainings – wenn sie überhaupt stattfinden – eher zufällig oder opportun, eher nicht einer Strategie folgend.

Für mich war das auch neu – das erste Mal habe ich davon vor zirka zwei Jahren gehört. Und habe dann angefangen, systematisch zu lernen – in den Feldern, die mich interessieren, für meinen Job und meine Leben hilfreich sind und meinen Horizont erweitern. Und es geht hier nicht um das Aneignen von theoretischem Kram, sondern um Implementierung in unserem Leben!

3. Kreativität, Originalität und Initiative
Alle drei Eigenschaften brauchen die richtige Umgebung, um überhaupt gelebt werden zu können. Wer Initiative ergreift, muss sich sicher fühlen (siehe Punkt 1), dass es auch schief gehen darf (oder einfach ausgedrückt, dass der Kopf noch auf den Schultern bleibt, wenn’s daneben geht). Immerhin ist jede kreative Idee (die meist vorher noch nie da war) erstmal ein Risiko. Sichere Umgebung heisst Vertrauen mit der Gewährleistung, dass uns nichts passiert, wenn wir Initiative ergreifen.

4. Technologie-Design und Programmieren
Braucht wohl eher kaum Erläuterung, die Digitalisierung wird weiter voranschreiten.

5. Kritisches Denken
Wir sammeln heute Daten ohne Ende (zum Glück für die Storage-Industrie). Und es ist längst kein Geheimnis mehr, dass Daten reines Kapital sind. Allerdings nur dann, wenn wir sie verwenden, um daraus sinnvolle Erkenntnisse und Zusammenhänge verschiedenster Gebiete zu gewinnen, die unter Umständen komplett neue Möglichkeiten öffnen. KI kann hier sicher schon viel leisten – wir Menschen sind allerdings immer noch voraus, wenn es darum geht, Nuancen oder Zweideutigkeiten zu erkennen. Ich möchte die Maschine sehen, die einen Marketingclaim generiert, der bei den Kunden Resonanz findet. ;)

6. Lösen von komplexen Problemen
Je mehr sich um uns herum verändert, desto komplexer wird die Welt, die Zusammenhänge, Prozesse und anstehenden Probleme. Komplex heisst schlicht und ergreifend, dass der Weg oder sogar das ganze Ausmass des Problems nicht offensichtlich sind und wir nicht einfach einem Weg folgen können mit der Garantie auf einen sinnvollen Ausgang. Das kann KI Stand heute nicht leisten.

7. Leadership und sozialer Einfluss
Brené Brown, Autorin des Buches Dare to lead beschreibt Leader folgendermassen: »Ein Leader ist, wer dafür Verantwortung übernimmt, das volle Potential in Menschen und Prozessen zu finden und den Mut hat, die Entwicklung zu fördern.« Für mich sind hier nicht nur andere Menschen gemeint, sondern zuallererst mal wir selber. Wir alle werden in der ein oder anderen Form Leadership übernehmen – und wenn es »nur« die für uns selber ist.

Die wichtigste überhaupt aus meiner Sicht: Wie wollen wir denn Andere, Unternehmen oder Innovationen führen, wenn wir mit uns selber nicht mal tun! Ich nenne das Personal Leadership. Verantwortung an den Boss, das Unternehmen oder sonst wen abzuwälzen ist weder sinnvoll, noch zielführend.

Noch nie war es einfacher als in der digitalen Welt, andere Menschen gezielt zu beeinflussen. Daher braucht es Leadership – oder soll ich mal ganz altmodisch «Vorbilder» sagen. Menschen, deren Intention echt, integer und ambitioniert ist und die sich wertschätzend und empathisch zeigen.

8. Emotionale Intelligenz
Ein Buzzwort, was schon seit Jahren auch im Business gehandelt wird. Allerdings wenig implementiert. Gefühle im Business? Pah. »Die ist ja sowas von emotional« oder »nimm doch nicht alles so persönlich« oder »Der benimmt sich unprofessionell«, sind Aussagen, die ich nach wie vor höre.

Okay, ich räume hier mal mit einem Mythos auf: WIR KÖNNEN UNSERE EMOTIONEN NICHT AUSSCHALTEN.

Wir sind einfach emotionale Wesen. Ob wir das wollen oder nicht. Und ich habe noch NIE jemanden erlebt, der komplett emotionslos war (ausser vielleicht dem ein oder anderen Psychopathen, dem ich unglücklicherweise über den Weg gelaufen bin).

Wir können unsere echten Gefühle unter Umständen verstecken. Oft allerdings leben wir sie dann aus, indem wir unsere Macht gebrauchen, in manchen Fällen sogar missbrauchen: Dann wird der Kollege angeschrien, wir flippen mal eben aus, wir verstummen und ignorieren, wir werden passiv-aggressiv (»das würde viel zu lange dauern, Dir das zu erklären«, und ähnliches). Oder wir stürzen uns in die Arbeit oder verweigern uns, ums dem anderen so richtig zu zeigen oder lästern hinter dessen Rücken – oder betreiben Office-Politik.

Hinter solchem Verhalten stecken IMMER Gefühle. Angst. Frustration. Ärger. Und es wird zunehmend wichtiger zu lernen, wie damit umgehen, anstatt sie zu verneinen oder zu ignorieren. Was wir bekämpfen, bleibt nämlich bestehen. So auch negative Gefühle.

Ganz zu schweigen von der Zeit, die hier verschwendet wird, wenn wir die nötigen Gespräche NICHT führen.

9. Urteilsvermögen, Problemlösung und Ideenfindung
Aus meiner Sicht geht es hier darum, die Kreativität zum Leben zu bringen – einerseits bei der Ideenfindung als auch bei der Problemlösung. Wir alle haben unsere eigenen Perspektiven auf das, was wir als Realität wahrnehmen. Frag doch mal fünf Leute nach einem Meeting, was die Hauptaussage war – ich garantiere Dir, Du wirst (im Zweifelsfall total) unterschiedliche Aussagen bekommen. Eben. Unsere eigene Realität.

Das kann aber auch was richtig Gutes sein, wenn es um Problemlösungen oder Ideen geht, weil dann auf einmal subjektive Wahrnehmungen komplett neue Möglichkeiten öffnen können. Und ein gutes Urteilsvermögen heisst nicht zwangsläufig, dass wir immer die richtigen oder perfekten Entscheidungen treffen – sondern (unter Einbeziehung von Punkt 1, 5 und 7 (eventuell auch 8)) die bestmögliche und angemessene für die Situation.

10. Systemanalyse und -Evaluierung
Was genau das WEF damit meint, weiss ich ehrlich gesagt nicht. Ich kann hier ein wenig interpretieren – lass mich doch wissen in den Kommentaren, wie Du das siehst.

Ich gehe mal davon aus, dass es primär, darum geht, einerseits technische als auch die ökonomischen Systeme zu analysieren und zu evaluieren hinsichtlich ihrer »Tauglichkeit«, also inwieweit sie ihren Zweck optimal erfüllen.

Dazu könnte ich jetzt eine ganze Menge schreiben in Sachen Organisationsaufstellung. Weil ich überzeugt bin (und gesehen habe), dass viele Unternehmen eher noch zu wenig gut aufgestellt sind, um den rasant schnellen Veränderungen nicht nur Stand halten zu können, sondern diese für sich zu nutzen.

Ich sehe den Weg hier klar in zwei Richtungen: Auf der einen Seite der Skala die Aufstellung (in welcher Industrie auch immer) mit optimaler Nutzung der Digitalisierung, um den Zweck des Unternehmens so effektiv wie möglich zu erfüllen und auf der anderen Seite der Skala wieder die echten Vorzüge und einzigartigen Seiten von uns Menschen einzubringen. Unternehmen, die diese Kombination schaffen, werden – so glaube ich – unschlagbar sein.

Was ist deine Meinung? Welche dieser Skills hältst du für am wichtigsten?

PS: Für alle, die schon mal daran arbeiten wollen, Personal Leader zu werden: ab Januar startet die Personal Leadership Academy Monthlyhier gibt’s mehr Details.