13.12.2018 (ch)
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50+ in der Informatik – und was dann?

  • Inhalt dieses Artikels
  • Warum ist 50+ überhaupt ein Thema?
  • Statistiken sagen nichts über die Seele
  • Die automatisierte HR (Human-Ressource)
  • Die andere Seite
  • Fazit

50+ in der Informatik – und was dann? (Bild: Canva)50+ in der Informatik – und was dann? (Bild: Canva)Vor ein paar Tagen habe ich an einem Roundtable der SWISS ICT teilgenommen. Die schweizweite Dachorganisation für die ICT-Branche in dem wunderbaren Land, in dem ich lebe, hat diverse Arbeitsgruppen, die sich mit aktuellen Themen in diesem Segment auseinandersetzen – so auch eine, die sich mit IT-Angestellten 50+ beschäftigt.

Warum ist 50+ überhaupt ein Thema?

Unsere Branche ist schon seit langem »erwachsen«, und diejenigen, die vor 30 Jahren Pionierarbeit geleistet haben, sind halt jetzt in den 50ern, genau wie ich auch.

Der IT-Markt hat sich nicht nur ein wenig verändert, wie wir alle wissen, sondern ist in den letzten 30 Jahren explodiert und es ist kein Ende in Sicht. Immerhin sind wir mitten drin – im digitalen Zeitalter.

Die Veränderungen betreffen nicht nur Grösse, sondern vor allem auch Technologien – auch hier findet nach wie vor eine rasante Entwicklung statt.

Was oft Firmen-Reorganisationen nach sich zieht – bei denen dann Personal eingespart wird (immerhin sind Menschen das Teuerste in jedem Unternehmen) und dann trifft es am ehesten die älteren Mitarbeiter.

Und wenn Menschen in der IT jenseits oder um die 50 ihren Job verlieren, wird es extrem schwierig, wieder einzusteigen. Dies ist auch der eindeutige Tenor in der Runde von Betroffenen.

Auf der anderen Seite herrscht Fachkräftemangel, wie an allen Ecken und Enden zu lesen und zu hören ist. Allerdings suchen Unternehmen nach jungen, gut ausgebildeten Menschen – die ausserdem weniger kosten.

Ist ja prinzipiell nichts Neues – nur scheint sich der Trend verstärkt zu haben. Ausserdem habe ich deutlich herausgehört, dass es Unterschiede gibt – je nachdem, über welche IT wir sprechen.

Statistiken sagen nichts über die Seele

Ich spare mir an dieser Stelle auch irgendwelche Statistiken. Je nachdem, wo ich geschaut habe, sind die Zahlen der Arbeitslosen über 50 in der IT kleiner als in anderen Altersspannen. Für die Betroffenen sind Statistiken allerdings vollkommen egal – wer schon mal arbeitslos war, weiss genau, wovon ich spreche.

Hier kommen ganz andere Ängste und Sorgen auf. Seien sie finanzieller Natur oder weil sich jemand in der Situation aussortiert, ungewollt und abserviert vorkommt. Und keinen Beitrag mehr in der gewohnten Form leisten kann. Letzteres wiegt manchmal schwerer als die Finanzen.

Welchen Stellenwert Emotionen in unserem Leben einnehmen, gibt’s hier nachzulesen.

Was ich vor einigen Jahren gelernt habe: IT ist nicht gleich IT.

Gemerkt habe ich das vor zirka sechs oder sieben Jahren, als ich hier in der Schweiz anfing, mit einem Consultant in Sachen Agile Software-Entwicklung zusammen zu arbeiten. Wir haben uns über LinkedIn getroffen und ein Gespräch vereinbart. Wie wir das so machen, haben wir uns etwas über unseren Background erzählt. Er hatte einen IT-Background. Ich auch.

Und das eine hatte mit dem anderen quasi nichts zu tun. Und beide haben wir erstmal nicht so richtig verstanden, was denn unsere verschiedenen Welten bedeuten.

Warum ich das erzähle? Weil mir klar wurde, dass das ganz offensichtlich auch eine erhebliche Rolle spielt, wenn es um die Arbeitswelt und -situation für uns über 50jährige geht.

Die automatisierte HR (Human-Ressource)

In der Runde waren Vertreter aus beiden Lagern zu finden waren. Spannenderweise scheint der Trend zu jungen Mitarbeitern ganz speziell in der Software-Branche ausgeprägt zu sein, während die Infrastrukturseite doch eher bereit ist, mit älteren Menschen zu arbeiten.

Ganz ehrlich – wenn ich denn mal zu Veranstaltungen im Infrastruktur-Segment gehe, sehe ich kaum wirklich junge Menschen – die scheinen alle in Richtung Coding zu rennen. Vielleicht ist Hardware einfach nicht sexy genug. Falls Du dazu eine Meinung hast, lass es mich in den Kommentaren wissen.

Zurück zu den 50+ Menschen in der Runde: Hier gab es die Erfahrung, dass Stellenausschreibungen unrealistisch und übertrieben sind und HR-Abteilungen ganz offensichtlich mit Schablone arbeiten: sprich, entweder der CV des Bewerbers passt GANZ genau auf die Stelle oder er fliegt gleich aus dem Prozess. Java 9.0 Kenntnisse? Passt nicht, wenn Java 11.0 gefragt ist, um nur ein Beispiel zu nennen. So passiert.

Ein anderer Trend: Die HR-Mitarbeiter scheinen extrem jung und unerfahren zu sein – speziell die, die in der ersten Runde aussortieren.

Sicher macht es Sinn, auch im HR-Prozess zu automatisieren und Effizienz reinzubringen – allerdings unter Berücksichtigung von Kriterien, die dem Unternehmenserfolg und der Gesellschaft dienen. Soweit meine Meinung.

Trotz dem vielzitierten Fachkräftemangel scheinen Unternehmen den Faktor 50+ schon als Ausschlusskriterium zu definieren – auch wenn es natürlich keiner zugeben würde – immerhin gibt es Gleichstellungsgesetze, die das verhindern. Bringen tut’s aber nichts, wenn die Realität anders aussieht.

Die andere Seite

In dem Roundtable habe ich Geschichten gehört, die von Frustration sprechen. Von Resignation. Weil die Erfahrung und der Einsatz vieler Jahre auf einmal nicht mehr gefragt sind. Weil diese Menschen keine Chance mehr bekommen, in dem bisherigen Segment ihren Beitrag zu leisten.

Und ich habe Geschichten gehört, bei denen Menschen erhebliche Gehaltseinbussen in Kauf nahmen, um wieder ihren Platz in Unternehmen zu bekommen. Und spannenderweise dann trotzdem glücklich sind.

Ich habe allerdings auch gesehen und erlebt, dass einige von uns 50+ern eher wenig geneigt sind, sich der «neuen Welt» zu stellen. Ich rede hier nicht über fachliche Weiterbildung. Das ist für die meisten Menschen in der IT-Branche ein Muss. Sondern über die Offenheit zu akzeptieren, dass sich die Welt, der Arbeitsmarkt und die Unternehmen gewandelt haben und ein wenig mehr Kreativität und Flexibilität gefragt sind.

Fazit

Wie immer gibt es mehrere Seiten der Medaille und weder ich, noch der Roundtable oder irgendwelche Unternehmen isoliert können hier DIE Lösung per se anbieten.

Als Arbeitssuchender Wege weiter zu gehen, die ein Jahr nicht funktioniert haben und mit Scheuklappen und Beharren auf »my way« weiterzumarschieren, ist sicher unsinnig, kräfteraubend und frustrierend. Hier braucht es Mut, Neues auszuprobieren.

Allerdings würde ich auch von Unternehmen erwarten, dass sie Leadership zeigen und gemeinsam mit den Betroffenen kreative Lösungen finden. Weil unsere Welt nur deswegen funktioniert, weil Input und Erfahrung aus allen Ebenen und Jahrgängen zusammenkommt.

Ich kann von jedem Menschen was lernen und habe mir angewöhnt, jungen Menschen genau zuzuhören. Es ist ganz erstaunlich, was ich da schon erfahren habe. Und auf der anderen Seite können diese von meiner Erfahrung und meinem Wissen profitieren. Und manchmal öffnen sich durch den Austausch komplett neue Lösungen, die keine der Seiten alleine hätte finden können.

Kann genauso in Unternehmen funktionieren mit der richtigen Kultur. In der wir ALLE unser Ego an der Garderobe lassen, gewillt sind miteinander was zu bewegen, das ganze Wettstreitgehabe hinter uns lassen und die Gespräche führen, die nötig sind. Mit Respekt, Integrität und der richtigen Intention: nämlich, dass wir alle einen Beitrag leisten können.

PS: Wie meist im Leben geht’s oft darum, einfach miteinander zu reden. Woran sich Leader orientieren, die sich trauen, menschlich und echt zu sein, gibt es hier: die »Checkliste: Kommunikation für Leader« im Download.