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Daten vorhalten hilft nichts – wahrscheinlich

Datenvorratshaltung ist ein immer wieder strapaziertes Diskussionsthema. Befürworter betonen, dass Datensammeln über längere Zeiträume präventiven Schutz bringt. Die Uni Darmstadt hat nun mit einer mathematischen Simulation festgestellt, dass dem nicht so sei. Welch Überraschung; die Diskussion wird dies noch lange nicht beenden – leider.

Können Sie den Begriff noch hören? Datenvorratshaltung? Ich bin es langsam leid, aber leider ist dieser Zankapfel noch immer nicht gegessen und die letzte Pressemeldung der Uni in Darmstadt gießt weiteres Öl in die schwelende Flamme. Diesmal können sich die Gegner der Datensammelwut bestätigt sehen.

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Ja, nein, vielleicht, beschlossen, wieder gekippt und letztlich von der EU verklagt. Deutschland tut sich schwer mit der Datenvorratshaltung, wobei die grundlegenden Fragen des Wie und Wie lange sich offensichtlich nicht klären lassen. Und nun das: Die Darmstädter TU will rausgefunden haben, dass eine sechsmonatigen Speicherung von Telefondaten Planungen terroristischer Anschläge wohl nicht verhindern kann.

Dort nahmen sich die Professoren Kay Hamacher vom Fachgebiet Computational Biology and Simulation, und Stefan Katzenbeisser, Security Engineering Group, des Themas aus wissenschaftlicher Sicht an. Sie führten eine mathematische, sogenannte Agenten-basierte Simulation durch. Dies ist eine Methode aus der Biologie, um Netzwerke von Interaktionen, wie zum Beispiel bei Individuen (Räuber und Beutetiere) hin zu untersuchen. Dabei werden konkrete Situationen simuliert und Interaktionen zwischen den Beteiligten modelliert. Diese Methode wurde nun erstmals auf die Evaluierung von sicherheitsrelevanten Richtlinien angewendet, indem sie die Agenten als Terrorist und Bürger annahmen. Dieses Szenario, so Hamacher, belegte, dass die Wahrscheinlichkeit, Terroristen ausfindig zu machen, praktisch nicht steigt.

Hierfür nutzten die Wissenschaftler reale Terrornetzwerke, die vom FBI nach den Anschlägen von 9/11 ermittelt und deren Interaktionen untereinander nachträglich bekannt wurden. Diese kleinen Gruppen von acht bis 17 Terroristen wurden in unterschiedlichen Simulationen verschieden großen Gruppen von 50.000 bis zu einer Millionen Bürgern quasi eingepflanzt. Die Annahme war dabei, dass sie sich im Kommunikationsverhalten der unbescholtenen Mitmenschen zumindest zeitweise unterscheiden. So zum Beispiel, wenn eine bestimmte Person ein längeres und kurz darauf mehrere kurze Telefonate führt: eine Vorgehensweise, wie sie bei der Planung eines Anschlags realistisch ist, wenn zunächst Befehle abgesprochen und danach weitergegeben werden. Den richtigen Filter zu finden und Auffälligkeiten auszumachen gleiche dabei der Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen.

Allerdings können auffällige Muster bei längerer Speicherung verwischen. Deswegen plädieren die Wissenschaftler eher für eine kurze Speicherfrist von bis zu sechs Monaten.

Ob das Resultat der Vorratsdatenspeicherung den Aufwand und die Kosten rechtfertigt, ist ohnehin unsicher. Denn eine neuere Untersuchung des Bundeskriminalamts zeigt, dass auch die Aufklärungsquote bereits verübter Delikte um maximal 0,06 Prozent steigt – darunter überwiegend Betrugsdelikte. Das Freiburger Max-Planck-Institut für Strafrecht kommt auf gerade einmal 0,002 Prozent. Eine Kosten-Nutzen-Analyse zu sicherheitsrelevanten Fragen vor der Einführung neuer Maßnahmen und Richtlinien halten Hamacher und Katzenbeisser für sinnvoll.

Im Prinzip bestätigt die Studie bereits früher geäußerte Zweifel. Allerdings dürften sich IT-Hersteller schon händereibend in die Startposition verbringen, wenn es darum geht, eben auch nur eine sechsmonatige Sicherung von Telekommunikationsdaten und vor allem deren Auswertung – vorzugsweise in Echtzeit – umsetzen zu können. Wenn die Bundesregierung clever wäre, dann würden sie sich des Themas einfach nur wieder im Sommerloch annehmen, durchwinken und keiner merkt’s. Am Geld kann es nicht liegen, denn das wird eifrig unter die Leute gebracht, unter anderem durch das Bußgeld an die EU. Leidiges Thema und noch kein Ende in Sicht. Mir fällt auch nichts Bissiges mehr ein. Macht doch was Ihr wollt, gespeichert wird ja sowieso immer irgendwas.

Total genervt gespeicherte Grüße,

Ulrike Rieß.