07.07.2017 (Doc Storage)
4 von 5, (9 Bewertungen)

Was ist Lossless-Ethernet?

Leserfrage: Zuletzt tauchte wieder vermehrt der Begriff Lossless-Ethernet auf. Soweit ich verstehe, hat es etwas mit verlustloser Datenübertragung zu tun und wird unter anderem in Fibre Channel over Ethernet (FCoE) eingesetzt. Aber, was ist Lossless-Ethernet genau, was sollte man dazu wissen?

Antwort Doc Storage:

Der jüngste technische Liebling im Bereich der »Unifying-« oder »(Hyper)Konvergenz«-Protokollen ist das Data Center Bridging (DCB) oder »lossless ethernet«. Es soll wieder einmal alles vereinfachen, so wie es schon FDDI oder ATM sollten. Es soll genau wie diese billiger in der Implementierung sein, sich schneller und einfacher in Unternehmens-Netzwerke einbinden lassen und (wieder einmal) ein Medium sein, auf dem sich (irgendwann einmal) alle lokalen und Speichernetzwerke vereinen werden. Wie immer ist dies ein netter (Marketing-)Gedanke. Jedes Rechenzentrum hofft auf eine solche Lösung, technische und organisatorische Unterschiede aufzuheben und so Zeit und Geld für andere, wesentlich kreativere Arbeiten freizumachen. Aber natürlich gibt es auch heute schon Vorteile, beispielsweise die Konsolidierung von I/Os in Servern.

FCoE sorgt in seinem FC-Anteil durch Buffer-Credits auf Transportschicht 2 dafür, dass sehr große Distanzen verlustfrei überbrückt werden. Dies kann herkömmliches Ethernet nicht garantieren, und somit für den Absturz bestimmter Anwendungen sorgen. Durch die Nutzung des Ethernet-»Pause«-Kommandos lässt sich der Datenstrom kurzfristig anhalten und wieder aufnehmen. Im Gegensatz dazu muss die Versendung eines verlorenen Paketes über TCP/IP über Acknowledges geschehen.

Wie immer liegt der Teufel im Detail. Die älteren Protokolle, die DCB zusammenfassen und ersetzen soll, sind über Jahre, manchmal Jahrzehnte entwickelt worden und »gereift«. Sie enthalten heute Funktionen, die genau auf den Bereich ihrer Verwendung zugeschnitten wurden. Zum Beispiel der Flußkontrollmechnismus im FC-Protokoll, der die Zuverlässigkeit und Leistung in missionskritischen, Echtzeit-Unternehmensumgebungen mit deren Business Continuity- und Disaster-Recovery-Umgebungen sicherstellt. Hierfür werden »Buffer Credits« genutzt, die BC und DR für Anwendungen über große Distanzen und entsprechende DWDM-Verbindungen unterstützen. Große Unternehmen nutzen vor allem Fibre-Channel über DWDM, um die niedrigsten Latenzen und den höchsten Datendurchsatz zu erzielen, beispielsweise zur synchronen Replikation von Speichern, die kritische Daten enthalten.

Die Hersteller von Ethernet-Switches müssen die Anzahl ihrer Buffer auf 10-Gbit-Strecken dramatisch erhöhen. Ansonsten werden wir hier auf FcOE/DCB kaum die Leistungen sehen, die natives Fibre-Channel über DWDM erreicht, weder im Durchsatz noch in der Reichweite.

Hinzu kommt, dass die Priority Flow Control (PFC) von Lossless-Ethernet das exakte Gegenteil der Buffer-to-Buffer-Credits von Fibre-Channel darstellen. Wenn die empfangende Seite keine Buffer mehr frei hat, sendet sie eine entsprechende Nachricht an die Gegenseite, um den Datenfluss zu unterbrechen. Was geschieht dann mit den Daten, die sich bereits auf der Leitung befinden? Ein Paketverlust ist in SANs normalerweise nicht hinnehmbar. In der FC-Welt verlangsamen nicht mehr vorhandene Buffer lediglich den Datenfluss, der Sender wird nicht einfach ausgeschaltet.

Als Alternative lässt sich der FC-Datenstrom vom konvergierten DCB/FCoE-Strom entkoppeln und für den Transport in FCIP-Pakete hüllen. Auf diese Technik verlassen sich Anwender bereits, wenn es Daten über größere Distanzen (mehr als 150 km) zu transportieren gilt. Warum also sollte man sich noch die Kosten und die Verzögerung durch Konvertierung im FCoE/DCB-Umfeld antun?

Auf jeden Fall wird es Fibre-Channel noch eine ganze Zeit lang geben. Firmen verlassen sich immer häufiger auf FC für SAN-Umgebungen, die Installationszahlen nehmen immer noch zu. Die Gründe hierfür sind nicht ausschließlich technischer Natur. LAN und SAN gehören in größeren Umgebungen zu unterschiedlichen Abteilungen und somit in die Verantwortung zweier Manager. Wird der SAN-Manager einem neuen, noch nicht bewährten Protokoll trauen und dies auch noch in die Hände einer anderen Mannschaft geben?

Rechenzentren werden auf Jahre hinaus Umgebungen mit unterschiedlichen Protokollen bleiben. RZ-Leiter, die vor allem einfaches Management, Reduzierung des Energieverbrauches und I/O-Konsolidierung auf ihrer Agenda haben, werden sich kaum noch eine Umgebung mit völlig neuen Protokollen in ihr Haus holen, nur um bewährte Lösungen zu ersetzen. WDM homogenisiert native Protokolle auf der physikalischen Schicht, und eine gute Installation bietet horrende Bandbreiten, sehr niedrige Latenzen, modulare Sicherheit und andere Vorzüge, die diese Manager für ihre neuesten Anwendungen benötigen.

Gruß
Doc Storage


Stellen Sie Ihre Frage
Doc. tec. Storage beantwortet alle Ihre technischen Fragen zu Storage, Backup & Co.

Stellen Sie Ihre Frage an: DocStorage@speicherguide.de
Kommentare (4)
14.07.2017 - StoAdmin

Hi Doc,
heute mit dem linken Fuß aufgestanden?
Der Artikel ist gut und ich lese alle gerne. Mein Hinweis bezog sich auf die Frage des Postings, welche produktiven Implementationen von FCoE es wohl gibt.
Und da kann ich auf Gartner schimpfen wie ich will:
Die Technik hat sich der Anforderung (Vision) anzupassen!
Ich kann hier leider auch keine technikverliebte Implementierung durchführen. Da muss ein Ziel dahinterstecken. Und wenn Gartner (oder wer auch immer) ein paar Denkansätze über das mögliche Ziel liefert, warum nicht?
Lieber Dok, dies ist meine Meinung, diese muss nicht Deine sein. Was ich Dich auf jeden Fall bitten möchte:
Mach weiter so !

12.07.2017 - Doc Storage

"Laut Gartner ist FCoE seit 2015 tot (obsolete)"

Man zeige mir einen einzigen Fall, in dem sich Gartner und alle anderen "Analysten"-Kollegen nicht geirrt haben, nur weil sie ihren vorgefertigten, mehr oder weniger bezahlten Meinungen hinterhergelaufen sind und diesen nach dem Munde geschrieben haben. Nochmal - in diesem Abschnitt von speicherguide.de diskutieren wir echte Technik der richtigen Welt, kein Marketing, keine Vertriebsstrategien und schon gar kein Analystengeschwätz. Danke!
Grüße
Doc Storage

10.07.2017 - StoAdmin

Laut Gartner ist FCoE seit 2015 tot (obsolete):

www.theregister.co.uk/2015/07/29/sdn_enthusiasm_dives_says_gartner/

07.07.2017 - HP Wirth

Danke für das Hinzuziehen der organisatorischen Hemmnisse für den Wechsel von SAN auf LAN, in den meisten Betrachtungen wurde dieser, m. E. sehr wichtige Aspekt, bisher viel zu wenig beachtet.

Mich würde interessieren wie viele produktive Implementationen von FCoE es in RZs gibt, ich habe bisher noch von keiner Nennenswerten Anzahl gehört


Mehr von Doc. tec. Storage 16.10.2020 Welchen Stellenwert haben DMTF Redfish und SNIA Swordfish?

Die neuen Versionen von DMTF Redfish und SNIA Swordfish enthalten nun NVMe- und NVMe-oF-Spezifikations-Verbesserungen. Da stellt sich die Frage nach dem Stellenwert der beiden Spezifikationen. Doc Storage sieht hier aber großes Potenzial.


09.10.2020 Was ist ein Ingress- und Egress-Datenverkehr?

Der Datenverkehr unterliegt in Netzwerken und der Cloud einem definierten Regelwerk. Dabei fallen mitunter auch die Begriffe Ingress und Egress. Doc Storage erklärt die Bedeutung.


28.08.2020 Kommt mit QLC-Flash das Ende hybrider Speichersysteme?

Die ersten Arrays mit QLC-Flash-Technologie kommen auf den Markt. Einige Hersteller prophezeien durchaus vollmundig das Ende von hybriden Speichersystemen, also solchen mit Flash und Festplatten. Ist dieses Ende tatsächlich absehbar oder wie sieht die Zukunft in diesem Bereich aus?


21.08.2020 Mehr in die Zukunft agieren, weniger jammern

Jammern ist gerade irgendwie in Mode. Der Virus, der Markt, die Geschäfte – natürlich ist es aktuell schwierig. Für die Kunden gestaltet sich vieles aber positiv, braucht es doch weniger Manpower, um Produkte und Lösungen in Betrieb zu nehmen. Das macht sich im Geldbeutel bemerkbar. IT-Anbieter müssen künftig nicht nur in Studien in die Zukunft schauen, sondern sich generell schneller anpassen und auf neue Gegebenheiten reagieren.


07.08.2020 Marktstudien: Ergebnisse meist zu offensichtlich

Marktstudien belegen in der Regel bekannte Trends, mehr nicht. Wirkliche Erkenntnisse oder Neues fördern sie, laut Doc Storage, nicht zu Tage. Dies belegt er anhand zweier aktueller Beispiele: Die Analysekriterien sind schwammig, die Argumente eher fadenscheinig und die Resultate offensichtlich. Zudem sei fragwürdig, in wie weit Sponsoren die Ergebnisse beeinflussen.


31.07.2020 Business-Continuity: Zu viele Firmen unvorbereitet auf K-Fall

Jüngste Studien sprechen von einem steigenden Bewusstsein in Sachen Business-Continuity. Doc Storage kann den Zahlen allerdings wenig positives abgewinnen, denn noch nicht mal zwei Drittel aller Unternehmen besitzen einen Business-Continuity-Plan und fast die Hälfte verfügt über keine fest definierte Rückkehrmaßnahmen. Aus seiner Sicht ist es erschreckend, wie viele Firmen und IT-Abteilungen nicht auf einen Katastrophenfall vorbereitet sind.

powered by
N-TEC GmbH FAST LTA
Cloudian Tech Data IBM Storage Hub
Folgen Sie speicherguide.de auch auf unseren Social-Media-Kanälen
Folgen Sie und auf Facebook Folgen Sie und auf YouTube Folgen Sie und auf Twitter