19.08.2016 (Doc Storage)
4.7 von 5, (10 Bewertungen)

»Technologien & Trends werden hier nicht schöngeredet«

  • Inhalt dieses Artikels
  • Installierte Basis kein Qualitätsargument
  • Anmerkung der Redaktion

Leserfrage: In seiner letzten Kolumne hat es der Doc gewagt, Software-definierte Methoden kritisch zu beurteilen. SDS ist für ihn nicht der kommende Standard in allen Rechenzentren. Es war klar, dass er damit polarisiert und Gegenstimmen laut werden.

In seiner heutigen Kolumne antwortet Doc Storage daher auf zwei der bisher veröffentlichten Leserkommentare. Wichtig ist ihm: »Umgangsformen bewahren und nichts schönreden, nur, weil eine Technik gerade als aktueller Trend gilt.

Antwort Doc Storage:

Guten Tag, liebe Leser!

Ich schicke das voraus, da ich der Meinung bin, dass man auch in fachlichen Auseinandersetzungen – und so eine ist das hier hoffentlich – niemals Form und Höflichkeit verlieren sollte. Ich möchte nicht nur, aber vor allem auf die Beiträge zu meinem Artikel in der letzten Woche gesammelt antworten, da sie in prominenter Form (fast) alle »Herausforderungen« unserer Sparte der Informatik aufzeigen:

1. Ich werde für diese Beiträge und für meine fachlichen Ansichten von niemandem, von keinem Hersteller, Systemhaus, »Berater« und noch nicht einmal von der speicherguide.de-Redaktion bezahlt, weder monetär noch materiell. Nur so kann ich mir eine Neutralität bewahren, die in unserer Industrie leider immer seltener wird.

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2. Ich habe mir angewöhnt, mit offenem Visier zu diskutieren, und erwarte das auch von meinen Gesprächspartnern. Normalerweise gehe ich in keinem Fall auf einen Beitrag ein, der nicht mit einem Klarnamen versehen ist.

3. Ich werde keine Werbung machen, niemals, für gar kein Produkt. Dass allerdings manche Benutzer die Möglichkeit hier zur Äußerung nicht für eine fachliche Diskussion, sondern für die Einstellung reiner Werbeblöcke nutzen, finde ich bedauerlich und kann mich hierfür nur bei allen anderen Lesern entschuldigen.

4. Die Annahme der Tatsache, dass ein Produkt lediglich öfter irgendwo im Einsatz ist oder mehr Umsatz macht als ein anderes, als »Beweis« für deren Qualität und Güte greift nur sehr kurz. Ist der (ehemalige) PC-Hersteller aus Palo Alto in Kalifornien tatsächlich der bessere Speicherhersteller, nur, weil er nach dem Zusammenzählen aller von ihm ihn Desktops, Laptops und anderen Kleinrechnern ausgelieferten Platten und SSDs mehr Systeme ausgeliefert hat als die tatsächlichen Vorreiter der Branche aus Santa Clara oder Hopkinton? Noch simpler: Macht es einen Kleinwagen aus Wolfsburg zum besseren Automobil im Vergleich zu einer Sindelfinger Limousine, nur, weil wesentlich mehr davon auf den Straßen herumfahren?

Installierte Basis kein Qualitätsargument

5. Ich bitte alle Beteiligten, technische Diskussionen nicht auf der Basis der installierten oder operativen Einheiten und schon gar nicht mit großen Namen als Referenzen zu führen. Kein Mensch kann – vor allem nicht bei Software – den tatsächlichen Anteil an »Schrankware« abschätzen. Allein die Tatsache, dass irgendjemand in der DV-Abteilung irgendeines großen Unternehmens irgendwann einmal ein Produkt angeschafft hat, schon gleich erst recht nicht.

Machen wir uns nichts vor. Erstens wissen wir alle, welche Rabatte manche Verkäufer am Ende eines Quartales für die Verwendung eines klangvollen Namens in der Referenzliste zu geben bereit sind. Zweitens habe ich schon weit mehr als einmal erlebt, dass die Anschaffung und Inbetriebnahme eines »modernen«, »preiswerten« und »innovativen« Produktes, womöglich noch verbunden mit der Erwähnung als »CIO of the Year« oder anderen Ehrentiteln, hinter den Kulissen, unten beim arbeitenden Volk im Leitstand, für Chaos sowie vernichtete Wochenenden und Feiertage gesorgt hat.

6. Ebenso möchte ich bitten, technische Diskussionen mit absoluten und nachvollziehbaren Werten zu führen, nicht mit einem pauschalen »meine Sachen waren aber soundso viel Mal billiger« oder »meine Systeme sind soundso viel Mal schneller«. Was für Systeme? In welcher Ausstattung, mit welchen Anwendungen, auf welchen Rechnern, mit wie vielen Benutzern und so weiter.

Billiger? Schön, aber mit was wird verglichen? Schneller? Auch schön, aber schneller als was? Ich mache das jetzt hier seit über 25 Jahren, und ich kann Ihnen versichern, es gibt kein einziges vergleichbar ausgerüstetes Paar an Speichersystemen, von denen das eine um solche Faktoren schneller ist als das andere. Zehn Prozent, vielleicht, oder höchstens 15. Aber 300? Oder gar 800? Entweder werden hier polierte und gewachste Äpfel mit Fallobst-Birnen verglichen, oder jemand hat eines der Vergleichsgeräte aus Unkenntnis oder mit Absicht so eingerichtet, dass sich diese Ergebnisse einstellen. Alles andere ist technisch annähernd unmöglich.

7. Eben weil ich das hier schon seit einem Vierteljahrhundert mache, nehme ich mir die Freiheit, mit Gelassenheit auf immer neue sogenannte innovative Techniken oder schlichte Marketingfloskeln zu reagieren und entsprechend zu kommentieren. Jedes Jahr wird ein neuer Blödsinn erfunden, um neue Slogans auf die alten Schläuche zu drucken. Jedes Jahr versetzt der »CIO of the Year« und seinesgleichen seine Mitarbeiter in Panik, wenn – beeinflusst durch eine Armada an landfahrendem Volk, sich selbst Berater nennend – er neue Strategien über ihnen ausgießt, und sie dann im folgenden Jahr die Trümmer zusammenfegen und den Laden trotzdem – nicht deswegen – am Laufen halten. Man lasse mich einfach in Ruhe mit alle dem, oder weiß zum Beispiel noch jemand, was »Information Lifecycle Management« war. Es gab mal eine Zeit, da fiel man tot um, wenn man das nicht hatte.

So, und jetzt bitte ich alle zukünftigen Briefeschreiber, egal ob zu dem Beitrag der letzten oder einer der kommenden Wochen, sich einfach an die oben genannten Punkte der Neutralität, der technischen Fundierung und der langjährigen Erfahrung zu halten. Ich möchte speziell hier niemals etwas von Stückzahlen oder Umsätzen schreiben oder lesen. Vor allem werde ich nicht anfangen, Technologien oder Trends schönzureden, nur, weil sie irgendwann aus welchem Grund auch immer in irgendeinem Rechenzentrum zum Laufen gebracht worden sind. Für alle anderen Dinge stehe ich wie immer gern zur Verfügung.

Höflichst
Ihr Doc Storage


Anmerkung der Redaktion

Zur Erinnerung, hinter unserem Doc Storage steht ein ausgewiesener und »mit allen Wassern gewaschener« IT-Spezialist. Es war ihm wichtig, dass wir seine Antwort auf die letzten Kommentare als eigene Kolumne veröffentlichen, damit sie auch von möglichst vielen gelesen wird. Zugegeben, Kommentare zu unseren Beiträgen sind nicht wirklich gut ersichtlich.

Ergänzend möchten wir hinzufügen: Ja, der Doc schreibt seine Beiträge ehrenamtlich. Wofür wir uns wirklich ganz, ganz herzlich bedanken!!!

Der Kommentar vom User Gast ist eigentlich eine E-Mail an die Redaktion und kein Kommentar im eigentlichen Sinne. Wir haben ihn trotzdem veröffentlicht. Der Versender ist uns selbstverständlich namentlich bekannt.

Scheuen Sie sich nicht selbst in die Tasten zuhauen. Egal ob Sie die Meinungen des Doc teilen oder seine Thesen für kompletten Unfug halten. Nur Mut… ;)

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Kommentare (5)
19.08.2016 - LHL

Guten Tag :)
Ich bin erst seit 23 Jahren im IT-Geschäft - da hat mir der Doc also etwas voraus. Grundsätzlich stimme ich - wie auch die vorherigen Kommentare - der Art und Weise der Bewertung von IT-Technologien und möglichen Strategien des Doc Storage zu. Man ist beim RZ-Betrieb immer gut beraten, eine gewisse Gelassenheit an den Tag zu legen und nicht gleich jedem Hasen hinterher zu rennen.
Ich bin durchaus nicht immer der selben Meinung wie der Doc Storage - aber er weist ja selbst oft genug darauf hin, das Lösungen immer von der konkreten Vorort Situation abhängen - und was bei dem einen funktioniert muss bei dem anderen nicht auch zwangsläufig zum Erfolg führen. Schließlich hat man ja auch noch einen eigenen Kopf zum Denken ;)
Ich bewundere aber seine breitbandige Fachkenntnis und kann nur sagen: Weiter so!

19.08.2016 - Marcus

Sehr geehrter Herr Doktor! ;-)
Herzlichen Dank für Ihr Statement, dem ich in fast allen Punkten zustimmen kann (auch in der Dauer der Berufserfahrung ;-))
Allerdings:
Es gibt in der IT zig Tausende mögliche Lösungen für abertausende IT Probleme!
"SDS" ist eine davon!
Speziell im Umfeld einer "hyper-Converged" Umgebung (über deren Sinn in "normalen" kleineren und mittleren Unternehmen man sicherlich diskutieren kann) ist SDS kaum wegzudenken. Hier werden auch die von Ihnen mehrfach erwähnten Nachteile dieser Technik, durch die "redundante Masse" an Einzelspeichern relativiert.
Aber auch im "alltäglichen Preiskampf" kleinerer Systemhäuser gegen die "Marktführer" kann SDS (wenn es gut gemacht ist!) einen nicht zu unterschätzenden Wettbewerbsvorteil bringen, wenn die verwendete Hardware hochwertig, redundant sowie mit einem guten und schnellen Support versehen ist.

Daher schlage ich vor, auch SDS ein wenig differenzierter zu betrachten und es nicht von vornherein als "Teufelswerk" zu verdammen
"Auf jeden Topf passt (irgend-)ein Deckel" :-)

Herzliche Grüße
Marcus Vollmer

19.08.2016 - joachim.stephan

Danke!

19.08.2016 - thoschne

Sehr gut. Schließe mich zu 100% an DocStorage und dem ersten Kommentar an. Auch ich schlage lieber den vernünftigen Weg ein.

19.08.2016 - klaus.engelhardt

Guten Morgen,
bitte weiter so. Ich finde es gut, wenn jemand auch mit etwas provokanten Standpunkten in dieser ach so hochglanzpolierten PPT Welt agiert. Als Leiter eines RZ weiß ich nur zu gut, was es heißt auf bewährten aufzubauen, und die "Evolution" schrittweise voranzutreiben, es schont die Nerven und beschert den Mitarbeitern freie Wochenenden. Wir betreiben schon lange das Storage Umfeld hinter einem SVC und haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Damit sind wir in der Lage die Storage-Systeme als das zu betreiben was sie können, schnelle und zuverlässige Datenspeicher.


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