Bitkom: KI wird zum Taktgeber der Digitalisierung
KI prägt die Digitalisierung der deutschen Wirtschaft: Laut Bitkom-Studie setzen 41 Prozent der Unternehmen sie bereits ein, weitere 48 Prozent planen oder diskutieren den Einsatz. Der Nutzen ist vielfach sichtbar. Gleichzeitig berichten viele Betriebe über fehlende Zeit, Fachkräfte und hohen Umsetzungsdruck.
Die neue Studie von Bitkom macht vor allem eines deutlich: Künstliche Intelligenz ist 2026 nicht mehr nur Pilotprojekt oder Innovationskulisse für Konferenzfolien. 41 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten setzen KI bereits ein, weitere 48 Prozent planen den Einsatz oder diskutieren darüber. Damit beschäftigen sich insgesamt 89 Prozent der befragten Unternehmen mit der Technologie. Zugleich schreiben 86 Prozent KI eine große Bedeutung für die künftige Wettbewerbsfähigkeit zu.
Dr. Ralf Wintergerst, Bitkom»Künstliche Intelligenz ist weltweit der entscheidende Treiber für mehr Produktivität und Effizienz«, unterstreicht Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst. »Die deutsche Wirtschaft macht beim KI-Einsatz Tempo. Bei KI geht es nicht nur darum, wer das beste Sprachmodell baut, es geht um den Einsatz überall dort, wo Deutschlands Wirtschaft stark ist, etwa in der Industrie, in der Pharmazie oder in der Medizintechnik.«
Im Technologieranking liegt KI damit vor dem Internet-of-Things (IoT) und vor Robotik. Dem Internet der Dinge bescheinigen 82 Prozent eine hohe wirtschaftliche Relevanz, 34 Prozent nutzen entsprechende Technologien bereits, 47 Prozent planen oder diskutieren sie. Bei Robotik sehen 81 Prozent eine große Bedeutung, 38 Prozent haben sie im Einsatz und 27 Prozent in Planung oder Diskussion. Deutlich größer bleibt die Lücke bei Blockchain, Quantencomputing und Metaverse. Dort ist die strategische Aufmerksamkeit zwar vorhanden, der operative Einsatz bleibt aber klar hinter KI zurück.
KI zeigt messbare Effekte im Betrieb und im Markt
Interessant ist nicht nur die Verbreitung, sondern auch die Wirkung. Unter den Unternehmen, die KI bereits einsetzen, berichten 77 Prozent von einer verbesserten Wettbewerbsposition. 52 Prozent sehen einen messbaren Beitrag zum Unternehmenserfolg, 45 Prozent melden deutlich beschleunigte interne Prozesse und 44 Prozent eine höhere Qualität ihrer Produkte bzw. Dienstleistungen. 29 Prozent geben an, durch KI sogar neue Produkte oder Dienstleistungen entwickelt zu haben. Für die Mehrzahl der Anwender ist KI damit kein Experiment mehr, sondern ein Werkzeug mit betrieblichem Effekt.
Ganz friktionsfrei läuft das Thema allerdings nicht. 66 Prozent der KI-Nutzer wollen ihren Einsatz weiter ausbauen, zugleich sehen sich 62 Prozent eher als Nachzügler und nur 30 Prozent als Vorreiter. 33 Prozent berichten zudem, dass der KI-Einsatz höhere Kosten verursacht habe als ursprünglich erwartet. 19 Prozent sagen, infolge des KI-Einsatzes Stellen abgebaut zu haben. Das passt zu einem Bild, in dem KI zwar Nutzen stiftet, aber organisatorisch, finanziell und personell nicht nebenbei eingeführt wird.
Digitalisierung bringt Vorteile, überfordert aber viele Firmen
Jenseits von KI fällt die Gesamtbilanz der Digitalisierung in den Unternehmen überwiegend positiv aus. 77 Prozent sehen eher Vorteile, weitere 16 Prozent sogar große Vorteile. Gleichzeitig sagen 42 Prozent, dass sich ihr Geschäftsmodell infolge der Digitalisierung verändert. Die Unternehmen nehmen also längst nicht mehr nur punktuelle Effizienzgewinne wahr, sondern strukturelle Auswirkungen auf Angebot, Prozesse und Marktauftritt.
Dem gegenüber steht jedoch eine zweite, deutlich unbequemere Wahrheit. 51 Prozent der Unternehmen haben nach eigener Aussage Probleme, die Digitalisierung zu bewältigen. 13 Prozent sehen ihre Existenz durch die Digitalisierung sogar gefährdet. 65 Prozent stellen fest, dass Wettbewerber aus der eigenen Branche, die früher auf Digitalisierung gesetzt haben, inzwischen voraus sind. Dazu kommt ein wachsender Wettbewerbsdruck von außen: 20 Prozent sehen ihre Marktstellung durch aufstrebende Startups bedroht. Digitalisierung wird damit zwar als notwendig und nützlich anerkannt, sie bleibt für viele Unternehmen aber eine Kraftanstrengung mit offenem Ausgang.
Für fast allen Unternehmen hat der Einsatz KI eine große Bedeutung. ((Grafik: Bitkom)
Der eigentliche Rohstoff liegt oft noch ungenutzt im Unternehmen
»Für die Unternehmen geht es um mehr als einzelne Verbesserungen und Effizienzgewinne«, erklärt Wintergerst. »Insbesondere der Nutzung vorhandener Daten kommt dabei eine entscheidende Rolle zu.« Viele Unternehmen verfügen über relevante Datenbestände, schöpfen deren Potenzial aber nur unzureichend aus. 32 Prozent nutzen ihre verfügbaren Daten nach eigener Einschätzung bereits eher stark, weitere 5 Prozent vollständig. Umgekehrt sagen 48 Prozent, sie nutzten das Potenzial ihrer Daten eher wenig, 13 Prozent gar nicht. Mit anderen Worten: Bei 61 Prozent bleibt der Datenschatz weitgehend unangetastet.
Ganz übersehen wird das Problem allerdings nicht. Von den Unternehmen, die ihr Datenpotenzial bisher nicht oder nur begrenzt ausschöpfen, ergreifen 29 Prozent bereits Maßnahmen für eine bessere Nutzung. Weitere 43 Prozent planen dies oder diskutieren darüber. Für Datenplattformen, Data-Management, Backup-Strategien und KI-nahe Infrastrukturen ist genau das der interessante Punkt. Der Engpass liegt vielerorts offenbar weniger im fehlenden Datenbestand als in der Fähigkeit, vorhandene Daten systematisch nutzbar zu machen.
»Wer Verantwortung im Unternehmen trägt, sollte sich ambitionierte Ziele setzen, um sein digitales Geschäft zu steigern« rät Wintergerst. »Wer heute ein erfolgreiches, vielleicht sogar weltweit führendes Produkt hat, muss sich Gedanken machen, wie es sich mit digitalen Dienstleistungen und neuen Anwendungen aufwerten lässt.«
Digitale Innovationen kommen voran, aber nicht schnell genug
Auch bei digitalen Produkten und Dienstleistungen zeigt die Studie ein gemischtes Bild. 23 Prozent der Unternehmen sagen, die Entwicklung neuer digitaler Angebote falle ihnen leicht. 40 Prozent tun sich damit schwer. 34 Prozent entwickeln nach eigener Aussage überhaupt keine digitalen Produkte oder Dienstleistungen. Das ist gegenüber den Vorjahren zwar eine leichte Verbesserung, von einer breiten Innovationsdynamik kann aber noch keine Rede sein.
Ähnlich verhalten fällt der Blick auf die Digitalumsätze aus. Für die kommenden fünf Jahre erwarten 56 Prozent einen Umsatzanteil digitaler Produkte oder Dienstleistungen von 10 bis 50 Prozent. Nur 9 Prozent gehen davon aus, mindestens die Hälfte ihres Umsatzes digital zu erzielen. 6 Prozent rechnen sogar damit, auch in fünf Jahren noch gar kein Digitalgeschäft zu haben. Das zeigt, dass Digitalisierung in vielen Unternehmen zwar operative Realität ist, aber noch nicht überall in tragfähige digitale Geschäftsmodelle übersetzt wird. Hinzu kommt, dass nur 31 Prozent in irgendeiner Form mit Startups zusammenarbeiten, während 67 Prozent darauf komplett verzichten. Gerade dort, wo neue digitale Angebote schneller entstehen sollen, wirkt das eher wie angezogene Handbremse.
Trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen steigt die Investitionsbereitschaft wieder. (Grafik: Bitkom)
Datenschutz, Fachkräftemangel und fehlende Zeit bremsen den Fortschritt
Trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen steigt die Investitionsbereitschaft wieder. 36 Prozent der Unternehmen wollen 2026 mehr in Digitalisierung investieren als im Vorjahr. 51 Prozent planen ein unverändertes Niveau, nur 13 Prozent wollen weniger investieren. Die Richtung stimmt also. Die Hürden bleiben jedoch erheblich. Als größte externe Bremsen nennen die Unternehmen Anforderungen an den Datenschutz mit 77 Prozent, den Mangel an Fachkräften mit 70 Prozent und Anforderungen an die technische Sicherheit mit 61 Prozent. 43 Prozent sehen zudem einen Mangel an marktfähigen Lösungen, 31 Prozent beklagen fehlenden Austausch mit anderen Unternehmen.
Intern bremsen vor allem fehlende Zeit mit 66 Prozent, fehlende finanzielle Mittel mit 48 Prozent und langwierige Entscheidungsprozesse mit 40 Prozent. 37 Prozent nennen mangelnde Risikobereitschaft, 26 Prozent fehlendes Wissen über Best-Practice.
Aber auch die Politik wird von den Unternehmen in die Pflicht genommen: 80 Prozent warnen, dass Deutschland ohne Digitalisierung wirtschaftlich absteigen wird. 84 Prozent fordern, dass Digitalisierung Top-Thema der Bundesregierung sein muss. »Die Bundesregierung hat mit der Einrichtung eines echten Digitalministeriums gezeigt, dass sie die Bedeutung des Themas erkannt hat«, meint Wintergerst. »In zentralen Bereichen wie der Verwaltungsmodernisierung mit dem Deutschland-Stack oder der Einführung digitaler Identitäten 2027 mit der EUDI-Wallet sind die Weichen gestellt. Jetzt gilt es, rasch für Unternehmen, aber auch für Bürgerinnen und Bürger spürbare Ergebnisse zu liefern.«