30.11.2018 (Doc Storage)
4.9 von 5, (14 Bewertungen)

Das Ende der Cebit ist ein Trauerspiel – ein Rant

Unser Doc hat in den letzten Jahren kein gutes Haar an der Cebit gelassen. Nachdem nun das Aus beschlossen ist, sollte das eigentlich Balsam für seine geplagte Kolumnistenseele sein. Ist aber nicht so! Vielmehr hat er wie üblich eine andere Meinung, eine ganz andere…

Kolumne Doc Storage:

Sehr geehrte Damen und Herren,

jaja, ich weiß, vor noch nicht allzu langer Zeit habe ich die Cebit auch schon totgesagt. Nicht, dass ich wirklich ernsthaft dran geglaubt hätte, dass DAS tatsächlich jemand ernsthaft wagen würde – aber sie haben es getan. Das ist wie für einen Enkel, für den die Großmutter schon immer da war, und nun muss deren Ableben verdaut, erklärt und vor allem verstanden werden. Aber – wie soll man etwas verstehen, was dermaßen sinnbefreit ist wie das Einstellen der einstmals größten Messe für Büro- und Informationstechnik DER WELT?

Anzeige

Richtig gelesen – weder die aufbegehrenden Ostasiaten noch die sich immerfort selbstüberschätzenden Amis hatten eine solche Veranstaltung, die in ihren Hochzeiten an die eine Million Besucher kratzte. Acht Tage lang war. Abertausende Aussteller anzog, und vor allem in der Lage war, sonst so rationale EDV-Menschen im Anzug mit Gummistiefeln von den Ostparkplätzen aus dem knietiefen Schlamm über die Brücken in die Hallen zu locken. Es war wie ein Familientreffen der EDV. Es gab Neues, Radikales, Experimente, hunderte von »Industry-Firsts« wurden vorgestellt. Und das alles haben die Herrschaften von der Deutschen Messe nun nach über 30 Jahren runtergewirtschaftet. Jetzt setzt man sich hin, wie ein eiskalter Buchhalter, und entblödet sich nicht, das Ende dieser Kultveranstaltung mit »sinkenden Besucher- und Ausstellerzahlen« zu begründen.

Sinkende Besucher- und Ausstellerzahlen. Zack. Das wars. Das folgt dem ewigen Muster, nach dem auch andere Firmen und Veranstaltungen den Bach runtergelassen wurden. Weil die – meist angestellten – Manager zu faul, zu satt und zu unkreativ waren, aus dem Vorhandenen etwas Neues, an die aktuellen Gegebenheiten und Anforderungen angepasstes zu machen.

Nein, da werden lieber die Tore geschlossen, und man kann im Ende noch froh sein, dass wenigstens die Mitarbeiter der Deutschen Messe nach einer Betriebsvereinbarung vor Entlassung geschützt sind. Nur einer muss gehen – der Ober-Manager der Cebit. Und was sagen wir dazu? Gut so – nur zu wenig!

Die Deutsche Messe AG ist eine staatliche Veranstaltung, zu hundert Prozent, und so besetzt sich auch deren Aufsichtsrat (zur Erinnerung: der Aufsichtsrat WÄRE dafür zuständig, solche Dinge wie die Schließung der Cebit zu verhindern, indem er qualifiziertes Führungspersonal anheuert). KEIN EINZIGER FACHMANN!!! Dafür die Finanz-, Wirtschafts- und Umweltminister von Niedersachsen, ach ja, ein weiterer ausgewiesener Experte, der Bürgermeister von Hannover, natürlich ein paar Gewerkschaftsfunktionäre und es wäre nicht Niedersachsen, wenn für ein paar VWler nicht auch noch ein warmes Plätzchen frei wäre.

Und so sitzt die Bevölkerung abends an den 20-Uhr-Nachrichten und lässt sich wieder einmal den Niedergang des einstigen Innovationsweltmeisters Deutschland in blanken Zahlen erklären. Dass 160tausend Besucher einfach nicht genug seien, und dass man (also die oben genannten Digitalexperten) sich daher entschlossen hätten, schon 2019 gar keine CeBIT mehr zu veranstalten. Man (also besagte Experten) hätten es ja mit einem neuen Konzept versucht (wer nicht da war – der Hamburger Dom war nichts dagegen – Amateure!). Und bumms – einfach so – in noch nicht einmal dreißig Sekunden Bericht wird diesem Land verkündet, dass es sich in Zukunft ganz hinten in der Digitalisierungsschlange anzustellen hat. Einem Land, in dem das Digitalste in seinen Schulen die Pausen sind. Einem Land, wo über 5G schon diskutiert wird, obwohl der eigene Wirtschaftsminister zugeben muss, dass ihm die Löcher im »normalen« Funknetz das Arbeiten im Auto fast unmöglich machen. Einem Land, in dem noch in zwanzig Jahren über die rechtlichen Aspekte des autonomen Fahrens diskutiert werden wird, wenn drumherum schon lange keiner mehr ein Lenkrad anfasst.

Ich will nicht politisch werden, aber wundert sich da noch irgendjemand, dass nur noch wenige Bürger den sogenannten etablierten Parteien (etabliert dadurch, dass ihre Minister und hochrangigen Mitglieder jeweils in dutzenden Aufsichtsräten sitzen) die Lösung der Gegenwarts- und vor allem der Zukunftsfragen zutrauen?

Dazu habe ich am Tag des Cebit-Ablebens in einem großen deutschen Magazin einen Satz von Mark Twain gelesen, und man kann es nicht besser ausdrücken: »Wenn wir bedenken, dass wir alle verrückt sind, ist das Leben erklärt!«

Dem habe ich nichts hinzuzufügen, außer – herzlichen Dank an die Herren und Damen Dr. Althusmann (Wirtschafts-, Arbeits-, Verkehrs- und – Achtung, jetzt kommts – DIGITALISIERUNGSminister Niedersachsen), Schostok (Oberbürgermeister Hannover), Hilbers (Finanzminister Niedersachsen), Lies (Umweltminister Niedersachsen), Seidel (Vorsitzender der CDU-Ratsfraktion in Hannover), Kastning (Vorsitzende der SPD-Ratsfraktion Hannover), Scheibe (Betriebsratsvorsitzender Deutsche Messe), Hennies (stellv. Betriebsratsvorsitzender Deutsche Messe), Grobe (Arbeitnehmervertreterin, Deutsche Messe), Geisel (Arbeitnehmervertreterin, Deutsche Messe), Röpke (Arbeitnehmervertreter, Deutsche Messe), Kröning (Arbeitnehmervertreterin, Deutsche Messe), Schulze (Erster Bevollmächtigter, IG Metall Hannover), Prof. Loh (Vorsitzender der Geschäftsführung Friedhelm Loh Group), Kempf (Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie), Renschler (Mitglied des Konzernvorstands bei Volkswagen), Paetow (Präsident der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft), Helmrich (Mitglied des Vorstands bei Siemens), Kapp (Geschäftsführender Gesellschafter KAPP Maschinenfabrik) und Meyer (Vorsitzender der Geschäftsführung bei Hewlett-Packard).

Merken Sie was? Genau – von 20 Mitgliedern EINER, genau EINER von HP. Der dürfte was von Digitalisierung verstehen, zumindest ansatzweise. Bei allen anderen können wir uns nun bedanken, dass sie uns mit Schwung den Berg runter ins digitale Mittelalter getreten haben.

Schönen Dank für Ihre Unterstützung!!!

Gruß
Doc Storage

Stellen Sie Ihre Frage
Doc. tec. Storage beantwortet alle Ihre technischen Fragen zu Storage, Backup & Co.

Stellen Sie Ihre Frage an: DocStorage@speicherguide.de
Kommentare (1)
06.12.2018 - roman.boehm

Schon für das "Kind" der CeBIT, die CeBIT-Home, die erstmals im Herbst 1996 stattfand, gab es bald leider keine Zukunft mehr.

Für den Axel Springer Verlag wie für den Verlag Heinz Heise war der Start der CeBIT-Home im September 1996 ein Meilenstein:

Mit der CeBIT-Home startete der Axel Springer Verlag die Computerzeitschrift "Computer Bild".

Der Verlag Heinz Heise stellte mit dem Start der CeBIT-Home die Erscheinungsweise des Computermagazins c't von monatlich auf vierzehntägig um.


Mehr von Doc. tec. Storage 28.05.2021 Hardware- vs. Software-RAID: Was sind die Unterschiede?

In einer der letzten Storage-Veranstaltungen ging es darum, dass es keinen Sinn mehr mache auf Hardware-RAID zu setzen. Gehört dem Software-RAID wirklich die Zukunft? Welches sind die jeweiligen Vor- und Nachteile und auf was kommt es an?


07.05.2021 Was versteht man unter Dual-Layer Erasure-Coding?

Das Erasure-Coding ist bekannt und wurde auch schon mehrmals beschrieben. Nun sind wir zuletzt mehrfach auf den Begriff Dual-Layer Erasure-Coding gestoßen. Was verbirgt sich dahinter bzw. was sollte man dazu wissen?


19.03.2021 Backup-Konzept: Was sind die Türme von Hanoi?

Die Türme von Hanoi sind eine eher selten eingesetzte Datensicherungsstrategie. Was sind die Vorteile und warum hat sich das Konzept nicht durchgesetzt? Doc Storage erklärt den komplexen Backup-Plan und warum es gar nicht abwegig ist, darüber nachzudenken.


19.02.2021 HDD/SSD vs. Interface: Wer ist der Flaschenhals im NAS?

Ein NAS-System mit SSDs aufzurüsten bringt zusätzliche Performance. Sollte es zumindest. Wie verhält es sich mit einer SATA-3-Schnittstelle, avanciert diese nicht zum Flaschenhals und bremst die schnellen Flash-Speicher aus?


05.02.2021 Was ist ein Data-Mover?

Was ist eigentlich ein Data-Mover? Wird oft in der Funktionsliste genannt, meist bei Disk-Subsystemen, aber auch in anderem Kontext. Überträgt man damit einfach nur größere Mengen an Daten oder steckt mehr dahinter?


29.01.2021 Was versteht man unter Back-Hitching und Shoe-Shining?

Wenn es um Tape geht, fallen immer mal wieder die Begriffe Back-Hitching und Shoe-Shining – im negativen Sinne. Was genau ist darunter zu verstehen? Mit welchen Folgen ist beim Auftraten zu rechnen und was sollten Administratoren in diesem Fall unternehmen?

powered by
N-TEC GmbH FAST LTA
Cloudian Tech Data IBM Storage Hub
Microchip
Folgen Sie speicherguide.de auch auf unseren Social-Media-Kanälen
Folgen Sie uns auf Facebook Folgen Sie uns auf Pinterest Folgen Sie uns auf YouTube
Folgen Sie uns auf Twitter Folgen Sie uns auf Linkedin speicherguide.de-News per RSS-Feed