EU-KI-Gigafactories: Stromanschluss wird zum Nadelöhr

EU-KI-Gigafactories: Stromanschluss wird zum NadelöhrDie EU will bis zu sieben KI-Gigafactories aufbauen und mehr als 30 Milliarden Euro mobilisieren. Deutschland hat 805 Millionen Euro für eine mögliche Beteiligung reserviert. Doch hoher Strombedarf trifft auf jahrelange Netzanschlusszeiten, Fachkräftemangel und begrenzte Baukapazitäten - und damit auf einen engen Zeitplan.

Europa will seine eigene KI-Rechenkapazität deutlich ausbauen. Die EuroHPC Joint Undertaking hat Ende Juli die Ausschreibung für bis zu sieben KI-Gigafactories gestartet. Die Anlagen sollen jeweils mehr als 100.000 fortschrittliche KI-Prozessoren mit Software- und Cloud-Stacks, Hochgeschwindigkeitsnetzen, Storage und energieeffizienten Rechenzentren verbinden. Unternehmen, Forschung und öffentliche Stellen sollen die Infrastruktur für Training, Inferenz und Fine-Tuning großer KI-Modelle nutzen können.

Bis zu zehn Milliarden Euro öffentliche Mittel von EU und Mitgliedstaaten sollen nach Angaben der Europäischen Kommission mindestens 20 Milliarden Euro private Investitionen mobilisieren. Damit wurde die ursprüngliche Planung von fünf Gigafactories erweitert. Einsendeschluss ist der 12. November 2026, die Auswahl soll Anfang 2027 erfolgen. EuroHPC erwartet, dass die ausgewählten Anlagen innerhalb von 18 Monaten nach der Auswahl den Betrieb aufnehmen.

Deutschland will mindestens eine Gigafactory ins Land holen. Die Bundesregierung hat dafür nach eigenen Angaben 805 Millionen Euro aus dem Sondervermögen als möglichen Finanzierungsbeitrag reserviert. Die EU-Kommission schätzt die Investitionskosten einer Gigafactory auf vier bis fünf Milliarden Euro.

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Stromkapazität wird zum Auswahlkriterium

Damit ist ein Teil der Finanzierung vorbereitet. Die eigentliche Hürde liegt in der physischen Infrastruktur. Die EU-Kommission nennt bei Gigafactories neben Rechenleistung, Lieferketten und Vernetzung ausdrücklich die verfügbare Stromkapazität als zentrale Voraussetzung. Die Bundesregierung geht davon aus, dass eine Gigafactory mindestens drei- bis viermal so viel Rechenleistung wie eine AI Factory bietet. Den Energieverbrauch schätzt sie auf etwa das Vierfache.

Stefan Riedmann, BCSStefan Riedmann, BCSGenau hier setzt Stefan Riedmann, Associate Director DACH bei BCS Consultancy, an. Er schreibt in einem speicherguide.de vorliegenden Kommentar: »Das eigentliche Problem der europäischen Digitalstrategie liegt nicht auf der Nachfrageseite, sondern in der Ausführungskapazität.« In laufenden Projekten beobachte BCS verzögerte Stromlieferzusagen, späte Planungsänderungen, lange Lieferzeiten für Großgeräte sowie Engpässe bei Generalunternehmern und qualifiziertem Personal.

Die German Datacenter Association nennt für neue Rechenzentren in Deutschland Wartezeiten von bis zu sieben Jahren auf einen Netzanschluss. Die Internationale Energieagentur (IEA) nennt für die stark ausgelasteten europäischen Rechenzentrums-Hubs Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin im Durchschnitt sieben bis zehn Jahre. Damit kann die Wartezeit auf den Anschluss länger sein als die eigentliche Bauzeit.

Kapital wächst schneller als die Umsetzungskapazität

Die BCS-Studie »Data Centre Truths 2026« stützt die These eines Umsetzungsproblems. Mehr als 3.000 Branchenteilnehmer aus 41 Ländern wurden dafür befragt. 93 Prozent erwarten eine weiter steigende Nachfrage nach Rechenzentrumskapazität, 95 Prozent eine weitere Verschärfung des Fachkräftemangels.

Riedmann bringt das Ungleichgewicht auf den Punkt: »Kapital und Ambition wachsen deutlich schneller, als wir bauen und betreiben können.« Für KI-Infrastruktur steigt der Aufwand zusätzlich, weil GPU-Cluster hohe Leistungsdichten, entsprechend dimensionierte Stromversorgung und aufwendige Kühlung verlangen.

Seine zeitliche Einschätzung fällt deshalb deutlich pessimistischer aus als der EuroHPC-Zeitplan: »So sorgt die lange Wartezeit auf einen Netzanschluss dafür, dass eine Gigafactory, mit deren Planung heute begonnen wird, erst im Jahr 2033 oder noch später in Betrieb genommen werden kann, sofern man sie nicht auf Grundstücke mit bereits vor Jahren spekulativ gesicherter Stromversorgung errichtet.«

18 Monate treffen auf mehrjährige Anschlusszeiten

Das Jahr 2033 ist allerdings kein zwangsläufiger Starttermin für sämtliche EU-Projekte. Die Ausschreibung erlaubt auch verteilte und grenzüberschreitende Anlagen. Zudem müssen Bewerber eine ausreichende Strominfrastruktur nachweisen. Für neue Standorte ohne gesicherte Netzkapazität ist der 18-Monats-Zeitplan allerdings schwer mit den genannten Anschlusszeiten vereinbar.

Damit rückt die verfügbare Anschlussleistung bei der Standortwahl weit nach vorn. Für Standorte ohne gesicherten Anschluss bleibt Riedmanns Einwand bestehen: Milliarden für GPUs helfen wenig, wenn die notwendige elektrische Leistung erst Jahre später verfügbar ist.

Souveränität braucht mehr als Rechenchips

Die politische Bedeutung der Infrastruktur ist ausdrücklich Teil der europäischen Strategie. Der Rat der EU begründet die Gigafactories mit Europas Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität. Forschungsministerin Dorothee Bär bezeichnete AI-Gigafactories, Quantenrechner und weitere Hightech-Projekte als »Grundlage für Innovation, Wachstum und technologische Souveränität«.

Riedmann plädiert deshalb für mehr als einzelne Leuchtturmprojekte. Große zentrale Anlagen sollten aus seiner Sicht mit kleineren, regionalen Rechenzentren verbunden werden. Das ist mit der EuroHPC-Ausschreibung vereinbar, die verteilte Gigafactory-Strukturen über mehrere Standorte ausdrücklich zulässt. Solche Architekturen könnten vorhandene Netzanschlüsse nutzen und zugleich die Abhängigkeit von einzelnen Standorten reduzieren.

Bei knappen Netzkapazitäten fordert BCS zudem einen Wechsel von »First Come, First Serve« zu »First Ready, First Serve«. Projekte mit belastbarer Finanzierung, Genehmigung und realistischer Umsetzungsperspektive würden damit gegenüber spekulativen Reservierungen bevorzugt. Seit April 2026 priorisieren auch die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber große Anschlussbegehren bei knapper Kapazität nach dem nachgewiesenen Reifegrad der Projekte.

Die Milliarden sind nur der Anfang

Mit den Gigafactories will die EU mehr eigene Rechenleistung für Entwicklung und Betrieb großer KI-Modelle schaffen. Mehr als 30 Milliarden Euro potenzielle Investitionen bilden dafür die finanzielle Basis. Sie ersetzen aber weder Netzanschlüsse noch Fachkräfte, Kühlung oder Baukapazität.

Entscheidend wird deshalb sein, welche Konsortien nicht nur Kapital und KI-Hardware vorweisen, sondern auch Standorte mit gesicherter Energieversorgung und realistischen Bauzeiten. Daran hängt, wie schnell aus Europas Gigafactory-Programm zusätzliche KI-Kapazität wird.