13.11.2019 (kfr)
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Mensch & Maschine: Dell orakelt über die Arbeitswelt von morgen

  • Inhalt dieses Artikels
  • Blockchain und Ledgers
  • Kommentar: Algorithmische Vorurteile

Dell/IFTF: Mensch und Maschine schließen neue Partnerschaften (Quelle: Dell).Dell/IFTF: Mensch und Maschine schließen neue Partnerschaften (Quelle: Dell).Die Studie »Realizing 2030: Die Zukunft der Arbeit« von Dell Technologies und dem Institute for the Future (IFTF) untersucht, welche Auswirkungen neue Technologien bis 2030 auf den Arbeitsmarkt haben werden. Demnach bestimmen Chancengleichheit im Beruf, befähigte Mitarbeiter und KI-Kompetenz das Arbeitsumfeld von morgen.

Die Studie identifiziert vier Technologien, die die Arbeitswelt von morgen neu strukturieren sollen: kollaborative KI, multimodale Schnittstellen wie haptisches 3D-Feedback oder Gestenerkennung, sichere verteilte Ledger wie Blockchains sowie Extended Reality (XR), so die Aussage der Forscher.

Blockchain und Ledgers

An dieser Stelle musste die speicherguide.de-Redaktion direkt ihre eigene digitale Kompetenz auffrischen: Entgegen dem Hauptbuch-Prinzip, bei dem eine Instanz über einen Text, Prozess oder Transaktionen bestimmt, bezeichnet die Distributed-Ledger-Technik dezentral beliebig viele, prinzipiell gleichgestellte Kopien des Ledgers (wörtlich Kontobücher), welche von unterschiedlichen Parteien unterhalten werden. Der aktuelle Stand entsteht durch Konsens, also etwa wie Wikipedia. Die Blockchain ist eine der bekanntesten Distributed-Ledger-Techniken: Sie bezeichnet eine beliebig fortführbare Liste von Informationsblöcken, die mittels kryptischer Verfahren miteinander verkettet sind. Beispiel einer Blockchain sind Kryptowährungen.

Diese Technologien sollen dafür sorgen, dass sich Menschen auf sinnvolle, kreative und nachhaltige Aufgaben konzentrieren können. Beim zukünftigen Einsatz dieser Technologien sieht die Studie jedoch verschiedene Herausforderungen:

  • Algorithmische Vorurteile: 67 Prozent der Führungskräfte (Deutschland: 51%) gehen davon aus, dass sie neue Technologien einsetzen werden, um durch die Beseitigung menschlicher Vorurteile bei der Entscheidungsfindung für mehr Chancengleichheit zu sorgen.

    Der Begriff der »algorithmischen Vorurteile« erscheint uns als kräftiger Euphemismus: Denn weiter wird ausgeführt, dass beispielsweise Bewerber verstehen müssten, wie ihre Profile von Machine-Learning-Tools der Unternehmen ausgewertet werden. Eine vollständige Transparenz der Kriterien, die in algorithmischen Einstellungsverfahren verwendet würden, soll unerlässlich sein, um Vertrauen zwischen Unternehmen und Arbeitnehmern aufzubauen.
  • Lücken in der digitalen Kompetenz: 60 Prozent der befragten Führungskräfte (Deutschland: 39%) glauben, dass ihre Mitarbeiter bis 2030 bei der Nutzung neuer Technologien fit sein müssen. Den Unternehmen kommt dabei eine besondere Rolle zu: Die Fähigkeit, erfahrene Arbeitskräfte umzuschulen und eine neue Generation von Arbeitskräften zu fördern, wird von entscheidender Bedeutung sein. Aus Sicht der Experten müssten Mitarbeiter zudem über die notwendigen Skills verfügen, um Technologien wie Künstliche Intelligenz anwenden zu können. Gleichzeitig fördern 46 Prozent der Führungskräfte (Deutschland: 37%) die Entwicklung der unternehmenseigenen, digitalen Fähigkeiten und Talente, indem sie ihren Mitarbeitern beispielsweise Programmierkenntnisse vermitteln.
  • Arbeitnehmerrechte und -schutz: Angesichts der sich ändernden Arbeitsbedingungen werden neue Richtlinien erforderlich sein, um die Arbeitnehmerrechte umfassend zu schützen. Die Führungsebenen müssten zudem Veränderungen in der Arbeitsorganisation vorantreiben, die mit dynamischen Arbeitsabläufen Schritt halten können. 44 Prozent der Befragten (Deutschland: 41%) fordern bereits eine KI-Regulierung und Klarheit über deren Verwendung, so die Studie.

Optimismus diffus, Mitarbeiterproduktivität konkret

83 Prozent der Befragten (Deutschland: 61%) sind der Meinung, dass sich die Art und Weise des Arbeitens dank der neuen Technologien zum Besseren verändern wird. Viele sind zudem optimistisch, was die Chancen angeht, die sich aus der Partnerschaft zwischen Mensch und Maschine ergeben. 70 Prozent der Führungskräfte (Deutschland: 57%) würden es begrüßen, wenn Mitarbeiter mit Maschinen oder Robotern zusammenarbeiten, um dadurch menschliche Grenzen zu überwinden. 86 Prozent (Deutschland: 79%) planen den Einsatz neuer Technologien zur Steigerung der Mitarbeiterproduktivität.

Aus Sicht des IFTF werden drei wesentliche Faktoren das Arbeitsumfeld im nächsten Jahrzehnt prägen: Chancengleichheit im Beruf, befähigte Mitarbeiter und KI-Kompetenz.

  • Chancengleichheit im Beruf: Partnerschaften zwischen Mensch und Maschine werden gerechtere Arbeitsplätze schaffen, da die Kandidaten nach ihren Fähigkeiten und nicht nach Geschlecht, Alter oder sonstigen Kriterien bewertet werden. So würden sich Unternehmen künftig beispielsweise auf KI verlassen, um menschliche Vorurteile im Einstellungsprozess zu reduzieren, die Bildung optimaler Teams am Arbeitsplatz zu steuern und Anreize zur Steigerung von Produktivität, Arbeitsmoral und Mitarbeiterbindung zu schaffen.
  • Befähigte Mitarbeiter: Mitarbeiter werden in Zukunft auf ganz andere, immersive Weise zusammenarbeiten, da Technologien wie Extended-Reality (XR) sie mehr als je zuvor unterstützen werden. Verfahren zur Zusammenarbeit in Echtzeit, die bereits in Gaming-, Coding- und verteilten Communitys bekannt sind, sollen auch zur Etablierung stärker vernetzter Arbeitsweisen eingesetzt werden. Ganze Teams könnten die Arbeit gemeinsam angehen, ausführen und miteinander interagieren.
  • KI-Kompetenz: KI wird künftig die menschlichen Fähigkeiten ergänzen und erweitern, anstatt sie zu ersetzen. Mit KI vertraute Mitarbeiter werden ihre Fähigkeiten einsetzen, um Workflows zu managen, Aufgaben zu erledigen und die erfassten Daten leichter zu verstehen. Ein tiefgehendes Verständnis der KI sowie der Mensch-Maschine-Systeme könne menschliches Potenzial freisetzen und die Mitarbeiter von der Masse abheben.

Das IFTF bezeichnet sich als ein weltweit führender Think-Tank, der sich mit Fragen der zukünftigen Entwicklung auseinandersetzt. Die aktuelle Studie des US-Instituts baut auf einer Zusammenarbeit mit Dell aus dem Jahr 2017 auf, als das IFTF Meinungen von 20 Experten aus der ganzen Welt auswertete. 2018 sei zusammen ein Experten-Workshop mit Langzeitstudien über die Zukunft von Arbeit und Technologie durchgeführt worden, die Korrelation mit Ergebnissen einer Befragung von insgesamt 4.600 Führungskräften aus 42 Ländern im Jahre 2018 ergebe die neuen Ergebnisse.

Kommentar: Algorithmische Vorurteile

Zurück zu den algorithmischen Vorurteilen: Belegt die Studie den vermeintlich notorischen Optimismus von US-Analysten, -Experten, -Herstellern oder -Marketeers? Oder aber die notorische Zurückhaltung deutscher Marktteilnehmer und Trabanten gegenüber allzu euphorischen, optimistischen Einschätzungen, die gestützt werden durch kryptische Wortschöpfungen?

Wir lesen die Ergebnisse jedenfalls so: Wer mit seiner Bewerbung scheitert, ist selbst schuld, weil er ML nicht versteht. Wer am Arbeitsplatz bei einer Problemlösung scheitert, hätte rechtzeitig einsehen sollen, dass KI keine Fehler macht. Diese Umstände sollen dazu führen, dass Mensch und Maschine ganz dicke Freunde werden? Sicher bieten neue Technologien neue Möglichkeiten auch der Effizienzsteigerung. Aber eben auch Gefahren. Unkritisches Betrachten zum Wohle von lebendigen Organismen bzw. leblosen Organisationen wie Unternehmen helfen da nicht: Die Zukunft ist eine offene Reise.

Vergleiche stimmen nie so ganz, aber uns erinnert das ein wenig an Kubrik’s »Odysee im Weltraum«. Dort übernimmt der Bordcomputer »Hal« nach und nach ein tödlich, fehlerloses Kommando, bevor er von einem Menschen mit Schraubenzieher seiner Algorithmen beraubt wird.