Bitkom: Deutsche Unternehmen suchen den Cloud-Sonderweg

Bitkom: Deutsche Unternehmen suchen den Cloud-Sonderweg

Was Bitkom auf Basis einer aktuellen Umfrage »dunkle Seite der IT« nennt, ist eher eine Grauzone: nämlich jene der Rechtssicherheit mit und um die Cloud. Der Interessenverbund konstatiert für die deutsche Wirtschaft, dass Cloud-Hyperscaler nur partiell Vertrauen bekommen, Anbieter aus China und Russland ein »No-Go« sind und eine »souveräne Cloud« der deutsche Mittelweg sei.

Zunächst: Bitkom ist ein Interessenverband der deutschen Industrie. Der selbsternannte »Digitalverband Deutschlands« ist durchaus valide und etabliert, aber verfolgt eben per Definition Interessen. Diese führten zu einer Umfrage und Ergebnissen zum Thema Cloud, besonders auch zu KI und Cloud. Diese überraschen wenig, teilweise aber schon.

Dr. Ralf Wintergerst, Präsident eben jenes Bitkom-Konstrukts, ist selbst Unternehmer und stellte die Ergebnisse einer aktuelle Befragung im Rahmen einer Pressekonferenz vor. Bitkom bezeichnet den von über 600 deutschen Unternehmen Daten-Pool als »repräsentativ«. Nun gut, zu den Ergebnissen:

Bitkom eruiert, dass 14 Prozent jener Unternehmen einen »Cloud only«-Ansatz verfolgt, 26 Prozent sich »Cloud first« zuordnen, 39 Prozent »Cloud too«. 21 Prozent wollen sich nicht festlegen oder haben keine Meinung. Nicht weiter evaluiert wurde, was »Cloud only« überhaupt bedeuten soll. Sind das Unternehmen ohne jegliche eigene Hardware außer einem Router? Virtual-Desktops ohne Desktop? Dürfen oder werden Mitarbeiter nicht zwangsläufig Dienste nutzen, die sie auf ihren privaten mobilen Geräten gespeichert haben?

Cloud ist Standard in der deutschen Wirtschaft

Laut Kuchendiagramm des Interessenverbandes nutzen 81 Prozent deutscher Firmen die Cloud. Im Detail der Erhebungen sind es aber tatsächlich nur 50 Prozent, 31 Prozent »planen und diskutieren« in Bezug auf Public-Clouds. 68 Prozent nutzen eine private Cloud, nur weitere 19 Prozent denken darüber nach.

Für fünf Prozent ist jede Form der Cloud kein Thema. Da müsste man fragen, ob den Mitarbeitern verboten ist, eine Browser-Suchmaschine im privaten Mobilgerät oder eine Auto-Korrektur im Textprogramm zu nutzen. 95 Prozent der Unternehmen nutzen perspektivisch die Cloud, public oder private. Egal: »Cloud ist Standard in der deutschen Wirtschaft«, konkludiert Dr. Wintergerst zurecht, denn die »Cloud bietet eben die Möglichkeit, die Cloud auch zu nutzen«. Das könnte ein lapidarer Satz sein. Nur nutzen wir ja auch Sauerstoff zum Atmen, weil er eben da ist. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Storage ist einer der zentralen Einsatzzwecke für die Cloud (Quelle: Bitkom)Storage ist einer der zentralen Einsatzzwecke für die Cloud (Quelle: Bitkom)

Warum Cloud?

Dennoch, sagt Dr. Wintergerst, bei vier von zehn Unternehmen, stehe die Cloud im Vordergrund. Bitkom erhebt, dass Kostenreduzierung und Plattform-Umstellungen (beispielsweise auf SaaS-Modelle) neben dem Wunsch nach Digitalisierung interner Prozesse die Haupt-Treiber sind. Letzterer wächst von 45 Prozent auf 61 Prozent für die nächsten fünf Jahre und auf der Prioritätenliste damit auf Platz drei.

IT-Beauftragte sprechen sich also für Digitalisierung aus. Potzblitz! Nun sind das Multiple Choice-Fragen, die durchaus einen Einblick in das Motivationsgemenge jener 600 befragten Unternehmen geben. Würde man fragen, ob Unternehmen die Digitalisierung interner Prozesse mit einhergehender Kostenreduktion und der Reduktion von CO2-Emissionen (steigt von 56 auf 62 Prozent) unbedingt verhindern wollten, ergäbe sich wohl ein klareres Bild.

Cloud indes erleichtert das Nachhaltigkeits-(ESG-)Reporting, sagen 59 Prozent. Deutsche Komposita werden definiert über das zweite Nomen, es geht dabei also nicht primär um Nachhaltigkeit, sondern um das Reporting. 61 Prozent meinen, mit der Cloud Energie und Ressourcen zu sparen. 54 Prozent sagen, der Energie- und Ressourcen-Verbrauch beim Cloud Computing sei zu intransparent.

Transparent dürfte es dann werden, wenn die intransparenten Rechnungen von Cloud-Anbietern eintrudeln, die sich nicht explizit auf Nachhaltigkeit beziehen, aber dennoch wohl korreliert werden mit dem Betrieb von riesigen Rechenzentren. Auslagern ist eben nicht abschaffen.

Einen weiteren Punkt spricht Dr. Wintergerst direkt an: 75 Prozent der Unternehmen bestätigen, dass durch die einfache Skalierbarkeit in der Cloud die Software immer Ressourcen-hungriger wird. Auch dort, wo das eventuell gar nicht notwendig wäre.

KI und Cloud werden die Unternehmens-IT dominieren

Dem Bitkom zufolge liegt der Anteil an Cloud-basierten IT-Anwendung in den Unternehmen bei 38 Prozent, in fünf Jahren bei 54 Prozent. Was soll aber zukünftig aus der Cloud kommen? Zuvorderst E-Mail (80 Prozent), Speicherplatz (74 Prozent) und Office-Software (73 Prozent). Den größten Sprung macht aber Sicherheits-Software, von heute 48 Prozent auf dann 64 Prozent in fünf Jahren.

KI-Dienste verdoppeln auf einem niedrigeren Level ihre Importanz (von 17 auf 34 Prozent). Der Bitkom-Sprecher meint, dass KI-Dienste nach wie vor mit Vorbehalten gesehen werden, auch wegen Regulierungen in der EU.

Von der KI erwarten sich die Unternehmen vor allem Vorhersagen und Prognosen (87 Prozent), Datenanalyse und Business- Intelligence (81 Prozent) sowie Sicherheits- und Betrugserkennung (64 Prozent). Öffentlichkeitswirksame Themen, die auch nationale und europäische Parlamente bewegen, wie etwa die Identifikation-, Gesichts- oder Emotionserkennung, spielen auf deutschen IT-Bühnen eher keine große Rolle (immerhin aber zwölf Prozent).

KI aus der Cloud ist 75 Prozent schlichtweg zu teuer, 64 Prozent haben Sicherheitsbedenken. 59 Prozent geben zu, dass ihnen schlichtweg das Know-how fehlt. 56 Prozent sehen allerdings schon, dass die Cloud ihnen Zugang zu KI ermöglichen könnte. 54 Prozent wollen jedoch nur deutsche Anbieter oder jene aus der EU für entsprechende Dienste nutzen.

Multi- vs. Hybrid-Cloud

Etwas überraschend laut der Erhebung des Bitkom ist die Art der Cloud-Nutzung. Multi-Cloud-Nutzung steht für die Nutzung verschiedener Anbieter parallel, quasi passiv als Nutzer diverser Angebote. Hybrid kann stehen für einen aktiven Mix aus interner und externer Cloud (public, private, lokal oder ausgelagert).

Nahezu alle Anbieter behaupten, dass der hybride Cloud-Ansatz Status-quo sei. Laut Bitkom ist das zumindest in der deutschen Wirtschaft in Teilen aber nicht so eindeutig: Ja, 44 Prozent behaupten, einen hybriden Ansatz zu verfolgen, aber 34 Prozent sehen sich in einem Multi-Modell. Weitere 22 Prozent planen oder diskutieren die Multi-Cloud.

Diese solle vor allem Ausfallsicherheit und eine Art Load-Balancing bieten. Ausfallsicherheit wird heute mit 70 Prozent taxiert, in fünf Jahren mit satten 100 Prozent. Für über die Hälfte ist wichtig, dass es vermeintlich keinen Vendor-Lock-In gäbe.

Aus Sicht der Bitkom habe dies durchaus auch eine deutsche Komponente: »Neben den Hyperscalern haben sich in Deutschland Anbieter entwickelt, die wir Superscaler nennen könnten«, sagt Dr. Wintergerst. Und diese könnten für Variabilität, Stabilität in der Technik und marktgerechte Preise sorgen.

21 Prozent der deutschen befragten Unternehmen wollen ihre Investitionen in die Cloud dennoch senken. Das wäre eine Überschrift. Heißt aber gleichzeitig, dass fast vier von fünf Unternehmen ihre Cloud-Investitionen beibehalten oder aktuell sogar forcieren (33 Prozent). 77 Prozent haben sich dies für 2025 oder später in die Bücher geschrieben.

Compliance ist der Schlüssel-Faktor

Nun ist speicherguide.de ein eher Technik-getriebenes Forum. Dementsprechend können wir festhalten, dass 97 Prozent der Befragten die Leistungsfähigkeit und Stabilität einer Cloud-Lösung bei der Evaluierung als Priorität angeben. Erstaunliche 93 Prozent ist daneben wichtig, Daten verschlüsseln zu können. Aber 99 Prozent, also quasi alle, sagen, IT-Sicherheit, Compliance und Datenschutz sei bei der Auswahl eines Cloud-Anbieters der entscheidende Faktor.

»Daten sind das A und O, die Kronjuwelen jedes Unternehmens«, kommentiert Dr. Wintergerst. »Kunden-Daten, Buchhaltungs-Daten, Produkt-Daten. Man möchte diese sicher wissen, weswegen diese drei Kriterien mit Abstand herausragen.

Beispielsweise Nachhaltigkeit (61 Prozent) oder Kosten mit 41 Prozent fallen dagegen ab aus der Prioritätenliste. Wir erinnern uns aber an die Eingangsaussage, dass Kostenreduktion der Haupt-Movens in Richtung Cloud sei (zu 62 Prozent). Entweder ist da Bitkom inkonsistent oder die Antwortgeber…

Mehr als die Hälfte investiert in diesem Jahr in die Cloud (Quelle: Bitkom)Mehr als die Hälfte investiert in diesem Jahr in die Cloud (Quelle: Bitkom)

Unternehmen wollen ihre Daten lokal

Bitkom sagt, dass deutsche Unternehmen die Cloud akzeptieren und nutzen möchten und sich des Potenzials bewusst sind. Jedoch nicht grenzenlos. Modelle wie Distributed-File-Systems oder Blockchain-Sicherungen spielen hierzulande eine eher untergeordnete Rolle. Die Cloud scheint schon an der Grenze der Innovationskraft.

Das hängt natürlich auch mit strengen Regularien zusammen. Für Cloud-Dienste werden deutsche und EU-Europäer bevorzugt (98 Prozent), Großbritannien wäre noch für 57 Prozent akzeptabel, Anbieter aus den USA für 47 Prozent.

Indien (25 Prozent), China (vier Prozent), Russland (null Prozent) haben die niedrigsten Toleranz-Werte. Auch Japan mit 29 Prozent hat wenig Akzeptanz im hiesigen Cloud-Markt, aber liegt immerhin über den globalen acht Prozent für den »Rest der Welt«. Nicht nur in Spionage-Fällen wird mit Daten und deren Speicherung also Politik gemacht. Daten sind ein offenbar Wirtschaftsgut.

Cloud-Anbieter: Sicherheit und Leistung entscheidend (Quelle: Bitkom)Cloud-Anbieter: Sicherheit und Leistung entscheidend (Quelle: Bitkom)

(Un-)wichtig: Die souveräne Cloud – eine Chimäre

»The Souvereign Cloud« war einst ein EU-Projekt für die Digitalisierung von Behörden europaweit und nennt sich in Deutschland »Verwaltungs-Cloud«. Ziel ist es neben Diensten Daten zu schützen, die Einhaltung lokaler Vorschriften zu gewährleisten und digitale Autonomie zu ermöglichen. Kurzum: Ein inhaltsloser, belangloser Begriff ohne praktische Implikation, den sich Bitkom erstaunlicherweise aneignet.

Bitkom gibt selbst an, dass nur vier Prozent der Befragten mit dem Begriff im Detail etwas anfangen können. 41 Prozent haben den Terminus nie gehört. Warum fährt also Bitkom dieses wenig illustre Programm? Verkürzte Antwort des Digitalverbandes: Zeitliche Überlastung der Mitarbeiter, Fachkräftemangel, Investitionsstau in deutschen Unternehmen.

Noch kürzer: Bitkom möchte Subventionen für die deutsche Wirtschaft, damit die auch mal ins Internet gucken kann und sieht, was den Behörden verwehrt bleibt.

Cloud kommt nicht kostenfrei

»Cloud kommt nicht kostenfrei«, sagt Dr. Wintergerst zurecht. Die Frage ist nur, wer diese Kosten stemmt. Der Steuerzahler oder das profit-orientierte Unternehmen, das seinen Profit zu minimalen Anteilen an die Gemeinschaft ausschütten möchte? Er betont nochmals die Wichtigkeit von Datenschutz und Datensicherheit, im Verbund mit erforderlichen Maßnahmen in Richtung Cloud.

Fast hören sich viele gute Dinge an wie ein Standortnachteil. Da sollte man doch helfen können…

Anmerkung der Redaktion

Michael Baumann, speicherguide.deMichael Baumann, speicherguide.deDeutschland wird bei der Europameisterschaft eventuell Weltmeister. Das belegen unsere Studien, fast!

Wir müssen uns nichts vormachen. Die Welt wird nicht schneller, ein Tag hat 24 Stunden, ein Fussballspiel meist 90 Minuten. Die Dinge nehmen ihren Lauf, auch ohne unser Zutun. Und unsere Kapazität im Vorderhirnlappen mag in Drölf-zig Jahren auch wachsen, wir werden es aber nicht mehr erleben. Was sollen also Umfragen aus einer Peer- in eine Peer-Group?

Nun haben wir die Freiheit, jeder Sequenz einen eigenen Namens-Stempel zu geben. In dem Falle sei es »souveräne Cloud«. Das ist ein Postulat und Bitkom-Branding, das man marketing-technisch durchaus loben muss. Irritiert von fremden Binnenwelten akzeptiert man es erst mal so, weil man spontan denkt, man hätte etwas am Puls der Zeit verpasst. Dann fragt man sich über den individuellen Mehrwert.

De facto ist es schlichtweg eine Nebelkerze, dazu aus einem nicht-marketing-getriebenen Umfeld. Seien wir doch mal ehrlich: eine interne (private) Cloud ist eben einfach ein Netzwerk. Grün wäre IT, wenn sie grün lackiert wäre. Das andere Grün findet sich in Excel-Tabellen von Controllern. Und was erforderlich ist, werden Unternehmen schon so für sich entscheiden und durchführen. Ob das hinterher gelobt oder subventioniert wird, ist erstmal egal.

Eine externe (public oder hybrid) Cloud bedingt zwangsläufig den Übertrag von Datenhoheit an einen Dienstleister. Mit Vor- und Nachteilen, anders geht es nicht. Ob die deutsche Wirtschaft sich das historisch bedingte Privileg herausnehmen sollte, so verspätet wie die Deutsche Bahn als Rechtfertigung für das eigene Sein, muss eben jene Wirtschaft selbst beurteilen. Wenn ich aus einer Umfrage herauslese, die anderen machen es auch falsch (in Bezug auf Verständnis einer Cloud), muss ich ja nicht den Schluss ziehen, dass es so weitergehen sollte, damit ich nicht negativ auffalle.

Den Status-quo zu interpretieren ergibt nur Sinn mit Akzeptanz einer sehr kurzen Halbwertszeit.