01.02.2019 (Doc Storage)
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BSI empfiehlt 200-km-Distanz – 200 km ERNSTHAFT!?

Kurz vor Weihnachten veröffentlichte das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) neue Kriterien für die Standortwahl höchstverfügbarer und georedundanter Rechenzentren. Darin wird der bisher empfohlene Mindestabstand zwischen georedundanten RZs fünf auf 200 Kilometer hochgesetzt. Aus Sicherheitsaspekten sicherlich sinnvoll, aber in der Praxis vollkommen unmöglich und laut Doc Storage »vollkommener Blödsinn«.

Kolumne Doc Storage:

So, jetzt langts aber: BSI-Empfehlung für »sichere Rechenzentren«.

Liebe Gemeinde, manchmal sitzt man da und denkt, es sei schon wieder Anfang April. Aber nein, das Jahr ist gerade einmal ein paar Wochen alt. Und das geliebte BSI, immer mal wieder für einen Scherz am Rande gut, massiert unsere Zwerchfelle aufs heftigste. Aber sorgt auch gleichzeitig für unerträgliche Kopfschmerzen.

Da haben sich die Jungs im Elfenbeinturm im schönen Bonn doch tatsächlich Gedanken darüber gemacht, wie wir hier draußen in der DV-Diaspora unseren Betrieb »sicherer« machen könnten. Oha. Bisher durfte man bei all diesen Bemühungen eher in Deckung gehen als klatschen. Und auch diesmal ist der Beitrag eher eine beneidenswert unrealistische Komödie.

Greifen wir uns nur eine der Empfehlungen heraus, die das BSI für »georedundante« Rechenzentren (ist Deutsch nicht eine herrliche Sprache?) veröffentlicht hat. Hier wurden bisher Mindeststandards von fünf Kilometer Entfernung zwischen zwei Standorten empfohlen. Oder eben etwas mehr. So bis um die 100 km sind sinnvoll, da genau dort die Grenze der Machbarkeit tatsächlich noch (einigermaßen) synchroner Kopplung liegt.

Doch nun kommt das BSI darauf, für diese Kopplung 200(!) Kilometer zu empfehlen. Was sagt uns das? Nun, insgesamt drei Dinge.

1. Das BSI, vulgo seine Mitarbeiter, können noch nie in einem Rechenzentrumsbetrieb gedient und dessen Herausforderungen (Probleme darf ich ja laut meinem Chefredakteur nicht so oft schreiben...)* kennengelernt haben. Es ist eben NICHT so einfach machbar, sich mal eben einen neuen zweiten Standort außerhalb dieser – im Übrigen völlig willkürlich gesetzten – Zweihundert-Kilometer-Zone zu suchen und den Zweitbetrieb dahin umzuziehen. So etwas kostet genauso viel Zeit, wenn nicht mehr, wie die Errichtung des ersten externen Standortes. Und bindet Personal, verschwendet wertvolle Zeit, die in weiß Gott wichtigeren Projekten wesentlich besser investiert wäre.

2. Das BSI, vulgo seine Mitarbeiter, haben sich noch nie eine Karte unseres schönen Landes angeschaut. Wenn nun alle DV-Betriebe, die georedundante (oh Mann, das Wort erregt mich richtig, in mehrerlei Hinsicht) Installationen betreiben, sich auf die Suche nach einem freien Fleckchen Erde oder einer freien Turnhalle mit Doppelboden außerhalb der (nochmal: völlig willkürlichen!!!) 200-Kilometer-Zone machen würden, hätten wir kaum noch einen freien Fleck Boden.

Und noch lustiger: die »Berater«, die nun wieder zu Dutzenden aus der Hecke springen, um den ach so hilfsbedürftigen Rechenzentren gegen Einwurf von Frischgeld zu »helfen«, bedenken bei der apokalyptischen Szenerie von Erdbeben, Vulkanausbrüchen und Tsunamis (ja sicher, hier bei uns...!) oder Störfällen in Kraftwerken, dass unser schönes Land so dicht bewohnt und bebaut ist, dass noch nicht einmal Helgoland als Ausweichstandort dienen könnte.

Haaalllllooo!!! Wir sind hier nicht in den USA, wo noch genug Platz für so einen Blödsinn wäre!!! Und vor allem – warum soll ich denn bitteschön einen neuen Standort suchen, wenn die meisten Szenarien bei uns überhaupt nicht stattfinden und die Atommeiler in sowieso drei Jahren abgeschaltet werden???

Das zeigt mir 3. Die DV-Landschaft ist für die »Berater« abgegrast, was DGSVO/GDPR angeht, die Gelddruckmaschine muss an anderer Stelle neu angeschmissen werden. Also, schnell ein paar unschuldige BSI-Mitarbeiter in »Schulungen« zu diesem Thema vom nahen Ende der DV-Welt überzeugt, und schwuppdiwupp – schon steht da dieser völlig abstruse Wert. Ich wünsche Euch, dass dieser miese Trick diesmal nicht funktioniert, und ihr Euch mal wieder richtige Arbeit suchen müsst!

Kommt Leute, 200 km... Ernsthaft???

Gruß
Doc Storage

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Kommentare (6)
26.03.2019 - Marcus

Da fällt mir folgendes ein:
Eine der BSI Empfehlungen schreibt ja m.W. auch ein "synchron gespiegeltes Storage" vor... (So wird es jedenfalls von verschiedenen Seiten postuliert)
Einer der Probleme beim "German Angst Failover":
Albert Einstein!
Da nichts schneller als Licht sein kann, wird mit zunehmender Entfernung der Storage Standorte, die Zeit bis jeder Datenblock geschrieben und mit einem "Acknowledge" dem Host gemeldet wurde immer länger.
Die meisten synchron gespiegelten Storages geben daher eine Leitungslänge von MAXIMAL 160Km (100 Meilen) als Grenze für synchron gespiegelten Storage an.

Wiederspricht sich das BSI diesbezüglich nicht selbst?

07.03.2019 - Tapeless

Um auch meinen Senf dazuzugeben, ich sehe es wie der Doc, diese BSI Empfehlung ist totaler Quatsch. Weil 200km schlicht willkürlich getroffen sind. Es gibt Firmen, die halten sich an die BSI-Vorgaben oder müssen sich sklavisch daranhalten. Für Firmen in Saarbrücken ist z.B. Frankfurt noch nicht weit genug…
Und ist eine Kolumne nicht dazu da, klare Kante zu beziehen?

07.03.2019 - wink-it

Nach den Bemerkungen in diesem Artikel verliert die Seite für mich an Seriösität!
Sowohl Anmerkungen als auch der Schreibstil zeugen nicht von fachlicher Kritik. Das ist Bild Zeitungs Niveau!
Schade.

08.02.2019 - LHL

Na, die Lösung ist doch offensichtlich einfach. Man geht in die Cloud der BSI-Berater, da gibt's z.B. die 2 Rechenzentren in Amsterdam und Dublin und schon hat man die BSI-verordnete Georedundanz (ich find' das Wort gar nicht so schlecht ... ;) )
Es gibt aber auch für diejenigen, die ihre Daten nicht die Deutschlandgrenzen überschreiten lassen wollen, eine einfache Lösung. In Mecklenburg-Vorpommern kommt bekanntlich der Weltuntergang 50 Jahre später - wir haben hier bei einer Einwohnerdichte knapp hinter der von Kanada noch Platz für Colocation und ausreichend Zeit. OK, der Mutterkonzern im Rest von Deutschland ist dann vielleicht schon untergegangen - aber die IT funktioniert noch ;)

01.02.2019 - w.stief

Das mit dem Platz ist ja kein so Problem. Weil es wird ja schlielich Fläche frei in RZs, die bisher der Regel 100km x 5km unterlagen :-)

Synchrone Kopplung ist allerdings ein Problem. Wenn man dann noch dazu nimmt, dass die Übertragungsreschwindigkeiten immer höher werden, und damit die maximal überbrückbare Entfernung kürzer ...

31.01.2019 - kfr

* Öhh, da weiß der Chefred aber gar nichts davon… ;)