28.01.2010 (ubr) Drucken

Langzeitarchivierung und das dunkle Zeitalter

Dr. Ulrich Kampffmeyer

Die Chancen, dass in 100 Jahren jemand ein heute angelegtes Langzeitarchiv lesen oder auswerten kann, sind verschwindend. Aktuelle Konzepte sind noch zu nah am kaufmännischen Archiv angelehnt mit begrenzten Aufbewahrungsfristen. Vor allem fehlt es an der Einsicht, dass es den einen Metadaten-Standard nicht geben wird.

Die echte Langzeitarchivierung elektronischer Information ist immer noch ein weitgehend ungelöstes Problem. Zwar gibt es reichlich Projekte, Initiativen für »migrationsfreie Archive« und »vertrauenswürdige Archive«, Archivsubsysteme und Speichersystemschnittstellen von Speichersystemanbietern und viele andere Ansätze. Dabei wird aber immer wieder vergessen, dass es bei der Langzeitarchivierung, besonders im historischen Umfeld oder bei Informationsobjekten mit extrem langen Aufbewahrungsfristen, nicht um Jahrzehnte sondern um Jahrhunderte geht. Viel Information ist schon verloren und zukünftige Historikergenerationen werden unsere Ära das »dunkle Zeitalter der frühen Informationskultur« nennen.

Jedoch ist die Informationsflut noch lange nicht bei den historischen Archiven angekommen. Bisher ruht das Meiste in Ablagen, Zwischenarchiven und elektronischen Archivsystemen, die nicht auf die wirklich langzeitige Archivierung ausgelegt sind. Erste Vorboten konnte man bei der Übernahme der elektronischen Dokumente der Bush-Administration in den USA schon beobachten, die zu kaum erwarteten Problemen und hohen Kosten führte – ganz abgesehen davon, dass einiges an Dokumenten und E-Mails verloren gegangen war. Ungeachtet dessen, dass das Problem ständig durch das unkontrollierte Informationswachstum größer wird, stecken die Bemühungen für Verfahren der Langzeitarchivierung vielfach noch in den Kinderschuhen. Es wird über unterschiedliche Formate und deren Behandlung geforscht, es werden die Auswirkungen von »Technology Obsolence«, den Wegfall von technischen Komponenten wie Speichern oder Anwendungen, diskutiert.

Diese Themen sind wichtig. Andere Themen werden aber immer noch unterschätzt: Die sich über die Zeit verändernde Qualität der Informationen, zukünftige Anforderungen an die Erschließung und Nutzung, Verfahren zur Bewertung und Aussonderung von Information, Rechte an Inhalten und Schutz von Information im Verhältnis zur Offenlegung. Wenn man also ein Langzeitarchiv konzipiert, sind noch weitere und andere Faktoren zu berücksichtigen als bei einem Archiv für kaufmännische Unterlagen mit begrenzten Aufbewahrungspflichten.

Ein besonderes Problem stellen dabei die Metadaten dar, also die beschreibenden Attribute, mit deren Hilfe die Informationen verwaltet und wiedergefunden werden. Metadaten identifizieren die Informationsobjekte und erlauben den Austausch der Objekte. Zusammen mit den Inhalten »packetiert« bilden sich selbsttragende Einheiten, die die Bestandteile der Langzeitarchive bilden. Für sie gibt es zahlreiche internationale Standards, die häufig jedoch nach den Bedürfnissen verschiedener Anwendungsbereiche ausgelegt sind: Bibliotheken, historische Archive, Medienzentren, Records Management, Museen oder Schriftgutverwaltung. Den einen Standard gibt es nicht und auch die Standards für Metadaten selbst unterliegen Veränderungen.

Dr. Ulrich Kampffmeyer, Geschäftsführer, Project Consult

Zum Autor
Dr. Ulrich Kampffmeyer ist Geschäftsführer der Hamburger Unternehmensberatung Project Consult.


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