16.06.2020 (Michael Baumann)
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Cloud, On-Premises, Datenhoheit – Chefsache oder Chimäre?

  • Inhalt dieses Artikels
  • Pro: Cloud als Infrastructure-as-a-Service
  • Contra: Cloud ist Spielwiese und Spagat
  • Front- oder Back-End-Lösung
  • Backup-to-the-Cloud – ein bewölkter Himmel?
  • Aufzeichnung sgTalk #07: Ist Cloud die Zukunft im RZ?

Private oder public, hybrid oder multipel – die Cloud ist allgegenwärtig – aber ist sie auch allgegenwertig? Kaum ein Speicheranbieter, der nicht mit dem Buzzword hausiert oder mit einem der globalen Anbieter kooperiert. Im speicherguide.de-Talk »Cloud, On-Premise, Datenhoheit – wo geht es hin?« wird lebhaft diskutiert, inwieweit Cloud(-Storage) bei deutschsprachigen Unternehmen überhaupt angekommen und sinnvoll angewendet wird. Im Gespräch mit Experten aus der Praxis wird deutlich, dass es mehr als eine Antwort gibt.

sgTalk #07: Cloud, On-Premises, Datenhoheit – Chefsache oder Chimäre?sgTalk #07: Cloud, On-Premises, Datenhoheit – Chefsache oder Chimäre?Im sgTalk #07 nehmen wir uns mit der Cloud ein, zugegeben, weit gefasstes Thema vor. Für Anbieter- und Analystenseite liegt die Zukunft eindeutig in der Cloud. Von Mitarbeitern aus Rechenzentren hören wir oft genug kritische Stimmen. Die Wahrheit, so weit vorab, liegt irgendwo in der Mitte.

Es beginnt schon bei der Definition, Cloud ist nicht gleich Cloud. Kerstin Mende-Stief, speicherguide.de und Storage-Forum ist dabei wichtig, zwischen der populären Public-Cloud per se und der Cloud-Technologie zu unterscheiden. Letztere ermögliche es Unternehmen, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren und frei skalierbare Infrastrukturen auch übergangsweise oder kurzfristig zu etablieren.

Pro: Cloud als Infrastructure-as-a-Service

Generelle Zustimmung finden diese Argumente bei Jan Walzer, Cloud Architect bei Cloudical. Cloud-Technologie erhöhe neben der Skalierbarkeit insbesondere auch die Ausfallsicherheit und Verfügbarkeit. Dies gelte für Hyper-Scale-Public, Managed ebenso wie eine private Cloud im Rechenzentrum. Allerdings mit der Einschränkung, dass ein »Lift & Shift« an den Produktionsrealitäten vorbei kein Allheilmittel sei. Vor allem aber im Storage-Bereich, beispielsweise über verteilte Dateisysteme wie CEF, böten sich erhebliche Vorteile.

Marc Dauenhauer, IT-Architekt bei Dauenhauer IT Management Consulting, sieht das Thema Cloud eher als Infrastructure-as-a-Service (IaaS) auf Transaktionsebene, und in hybriden Ansätzen zwischen On-Premise und Cloud ebenfalls Vorteile. Eine virtuelle Infrastruktur, die man auf Knopfdruck verändern kann. Es ginge darum, durch Technologien wie etwa Software-defined Storage (SDS) den Nutzer von der Infrastruktur, bzw. über das Know-how über sie, zu befreien.

Contra: Cloud ist Spielwiese und Spagat

Pro und Contra treffen sich an diesem Punkt. Außerhalb des Entwicklungsbereichs seien 80 bis 90 Prozent der Infrastrukturen in deutschen Unternehmen absolut statisch unterwegs, sagt dagegen IT-Experte Carsten Haak. Er sieht aus seiner Erfahrung nicht die Notwendigkeit und den Bedarf für solch flexible RZ-Services, zumindest bei etablierten Rechenzentren jenseits von Start-ups. »Cloud ist eine Spielwiese«, kommentiert er.

Ralf Schmiedgen, IT-Ingenieur der Radeberger Gruppe, betont, dass Dogmatik und technische Möglichkeiten oft am eigentlichen Bedarf, beispielsweise im produzierenden Gewerbe, vorbeigingen. Dort richte sich die IT auch an den Anforderungen des Handels und der Kunden aus, die in der Regel eben kein Konzernbudget für IT verwalten. »Es ist ein Spagat. Hauptsache es funktioniert«, sagt er und betont, dass eine gesunde Koexistenz, On-Premises und Cloud, sein Lösungsansatz sei.

Front- oder Back-End-Lösung

Das Schlagwort Mainframe-Systeme und deren Cloud-artige Funktion bzw. praktische Nutzung dürfen in der Diskussion nicht fehlen. MVS (Multiple Virtual Storage) oder z/OS seien keine neuen Technologien, so der Tenor. Nach Ansicht von Cloud-Architekt Walzer aber sehr wohl der Grad der Individualisierung, Agilität und Automation bei den Infrastrukturkapazitäten. Konsens scheint auch zu sein, dass die Cloud nicht in alle bestehende, etablierte Workloads passt. Der eine sieht die Cloud am Front-End effektiv, der andere im Back-End.

Personalkosten bestehender Infrastrukturen, etwa im Mainframe-Bereich, bringt Wolfgang Stief, Redaktion speicherguide.de und freier IT-Consultant, ins Gespräch. Einig ist man sich, dass die Hersteller Druck in Richtung Cloud ausüben, und kompetente Berater für Legacy-Technologien einfach weniger werden (um das unschöne Wort »aussterben« zu vermeiden). Auch die Zukunftsfähigkeit von Investitionen sei zu beachten, und auch Re-Newal-Zyklen und Amortisierungszeiträume – die je nach Branche ganz anders als in der IT gelagert sind.

Bemängelt am Nutzen werden mitunter ganz simple Dinge. Ein Diskussionsteilnehmer steht der Cloud offen gegenüber, kann aber über die ihm angebotene Lösung kein (E-)Fax über sie senden. Damit geht sie an seinen Anforderungen vorbei oder kreiert Mehraufwand On-Premise. Wozu also der Aufwand? Es gibt offenbar doch Nachholbedarf bei den Anbietern, was Individualisierung und Integration in Geschäftsprozesse anbelangt.

Backup-to-the-Cloud – ein bewölkter Himmel?

Beliebt im Back-End ist die Nutzung als Backup, eigentlich als Backup-On-Top-Technologie. Sitz des Rechenzentrums, Datenschutz, Security, Compliance – der Weg in die Cloud, sei es nur als Backup-to-the-Cloud, hat in der Diskussion der Praktiker viele Fallstricke.

In Zeiten mobiler Mitarbeiter (und Covid-Pandemie) soll jenes Backup am Front-End nützlich sein. Aber gewichtig darüber hinaus: Backup in die Cloud mag günstig erscheinen, teuer und zeitintensiv jedoch die Wiederherstellung. »Backup-to-the-Cloud kann nur das letzte Bollwerk sein«, sagt Haak. Die Cloud ist als Disaster-Recovery tauglich, aber die Konditionen sollten als solches vorab genau geprüft werden.

Aufzeichnung sgTalk #07: Ist Cloud die Zukunft im RZ?


Das evidente, fast banale Thema »Cloud« wurde tief, fast heftig diskutiert. Zudem beteiligten sich auch spontan einige sehr spannende Teilnehmer an unserer Diskussionsrunde. Die Aufzeichnung hat wieder etwas Überlänge, tun Sie sich die knapp 70 Minuten aber trotzdem an.

Der speicherguide.de-Talk findet zweiwöchentlich, in der Regel freitags statt und steht jedem offen. Die Themen werden von der wachsenden Zahl an Teilnehmern vorgeschlagen. Ziel ist ein Informationsaustausch über Themen, die Praktikern jenseits von Marketing-Maschinerien unter den Nägeln brennen.