Negativ-Oscar für Cloud und Innenminister

Eigentlich will man es nicht wissen, wann und wo Schindluder mit unseren Daten getrieben wird. Manchmal ist es aber ganz gut, dass es Instanzen gibt, die wenigstens darauf hinweisen, dass Missstände in der digitalen Welt existieren und diese auf ungewöhnliche Weise anprangern. Wie eben die Jury des Big-Brother-Awards. Das ist so eine Art Negativ-Oscar, der seit 2000 alljährlich verliehen wird. In diesem Jahr an sieben fragwürdige Preisträger.
Nennen wir zunächst mal die weniger IT-lastigen Branchen. Eine Auszeichnung ging an die Wasserfilter-Firma Brita, die mittels RFID-Chip und einer cleveren Idee Trinkwasser in bare Münze verwandelt und das auch noch an einer öffentlichen Institution. Brita stattet Wasserleitungen von Schulen mit einem Wasser veredelnden Zapfsystem und die Schüler mit einer Flasche mit RFID-Chip aus. Um Wasser zu zapfen, muss der Schüler eine Flatrate von 2,50 Euro zahlen, die Flasche kostet zusätzlich 6 Euro. Zapfen darf man dann soviel man will, damit aber nicht drei Burschen an einer Flatrate nuckeln, kommt der Chip zum Einsatz, der die jeweilige Flasche nach Einsatz für 10 Minuten sperrt. Respekt. In Zeiten, in denen das Recht auf Zugang zu Trinkwasser in die Menschenrechtserklärung aufgenommen wird, macht Brita mal eben eine schlanke Mark – respektive Euro. Darüber hinaus sammelt es Daten via RFID.
Zu den Preisträgern gehören sogar zwei Minister. Zum einen der sächsische Innenminister Markus Ulbig für seine Handy-Daten-Sammelwut. Nach einer Demonstration von 20.000 Menschen gegen einen Neonaziaufmarsch am 19. Februar 2011 in Dresden stellte sich heraus, dass mehr als eine Million Datensätze von Handys ausgewertet worden sind. Da war wohl die falsche Zielgruppe im Visier. Zum zweiten, fast schon ein schöner Brauch, erhält ihn der Bundesinnenminister. Diesmal ist das Hans-Peter Friedrich. Seine Verdienste für den Negativ-Preis sind das Cyber-Abwehrzentrum und das gemeinsame Abwehrzentrum gegen Rechtsextremismus, die eben laut Jury riesige Datenkraken darstellen.
Des Weiteren erhielt Bofrost einen Big-Brother-Award für das rechtswidrige Ausspionieren von Daten auf einem Betriebsratscomputer, um dann einem Betriebsratsmitglied zu kündigen. Die Gamma Group erhält den Preis für die Software »FinFisher«, die sogar damit wirbt, Sicherheitslücken in iTunes oder Skype zu nutzen, um Spionage-Software zu platzieren. Auch der Spiele-Anbieter Blizzard Entertainment ging nicht leer aus. Die Firma wurde für ihre zahlreichen Datenschutzverletzungen bei ihren Online-Spielen wie zum Beispiel »World of Warcraft« geehrt. Aus der protokollierten Spieldauer, erhobenen Rechnerdaten, dem Abgleich von Freundeslisten und dem zum Teil öffentlich im Netz einsehbaren Spielerverhalten lassen sich Persönlichkeitsprofile und Charakterstudien erstellen. Für eine entsprechende Auswertung wurde bereits 2007 ein US-Patent eingetragen – auf einen wissenschaftlichen Mitarbeiter von Google.
Aber richtig schön, finde ich den siebten im Bunde – und wir reden hier nun wirklich nicht von den glorreichen Sieben. Ein Big-Brother-Award ging nämlich an die – Trommelwirbel – Cloud. (Innerlich fühle ich mich bestätigt, lasse die Euphorie oder ein hämische »Sag ich doch!« unter den Tisch fallen.) Die Begründung der Jury liegt darin, dass den Nutzern dieser Services die Kontrolle über ihre Daten entzogen wird. Wer Adressbücher und Fotos – und damit die Daten anderer Menschen – oder Archive, Vertriebsinfos und Firmeninterna unverschlüsselt in den undurchsichtigen Nebel der Cloud verlagert, handelt mindestens fahrlässig. Fast alle Cloud-Anbieter sind amerikanische Firmen – und die sind laut »Foreign Intelligence Surveillance Act« verpflichtet, US-Behörden Zugriff auf alle Daten in der Cloud zu geben, auch wenn sich die Rechnerparks auf europäischem Boden befinden. Das 2008 vom Bundesverfassungsgericht postulierte Grundrecht auf Gewährleistung der Vertraulichkeit und Integrität informationstechnischer Systeme wird damit eklatant verletzt.
Insofern ist der Preis zu Recht verteilt. Nur leider scheint es niemanden zu interessieren oder gar zu empören. Offensichtlich verdeutlicht der Trend Cloud einen weiteren, viel fürchterlicheren Trend – und ich rede nicht von der Rückkehr der Schlaghosen und Batik-Shirts. Der Trend geht hin zum gefühlt kalkulierbaren Risiko. Speichern wir es eben in der Cloud, so viel wird da schon nicht schief gehen können. S3 von Amazon hat letztes Jahr sehr eindrucksvoll gezeigt, was alles schief gehen kann und gelernt hat offenbar kaum jemand etwas daraus. Ich bin gespannt, auf welchen Wolken wir noch schweben werden und vor allem, beim Fall aus welcher Höhe so mancher die harte Realität erkennen muss. Der Big-Brother-Award war schon mal ein guter Warnschuss.
Mit nicht preisverdächtig gespeicherten Grüßen,
Ulrike Rieß.