Keine Argumente gegen Street View und Streetside

Rekapitulieren wir doch mal. Letztes Jahr gab es noch einen Hauch von Rauschen im Blätterwald, als Google seine Autos wegen »Street View« auf die Straße schickte. Dieses Jahr macht sich nun Microsoft daran, erneut Autos zum Abfotografieren unserer Straßen wegen »Streetside« in den Verkehr zu bringen.
Ein Aufschrei der Bürger? Kaum zu vernehmen. Wettern von Datenschutzbeauftragten oder Politikern? Muss ich mit der Lupe suchen. Die Mainstream-Presse ist sich einig: eigentlich doch eine schicke und sexy Sache. Jetzt ist das doch nur eine einmalige Momentaufnahme eines Hauses, einer Straße. Da sagen viel: Was soll’s?
Aber was wäre eigentlich – wenn Google und Microsoft kein US-amerikanisches, sondern ein lybisches Unternehmen wären? Oder ein iranisches? Oder gar ein nordkoreanisches? Wetten, dass unsere Politiker so viele Argumente gegen Street View und Streetside finden würden, dass der Spuk in wenigen Wochen vorbei wäre?
Aber warum finden sie sie nicht? Könnte es sein, dass sie es vielleicht gar nicht wollen? Stellen Sie sich vor, die Abfotografierautos wären nicht von einem amerikanischen Privatunternehmen, sondern vom deutschen Staat. Oder vom französischen in Frankreich. Oder die britische Regierung würde entsprechende Staatsautos losschicken? Da würde jeder sagen: Klar, George Orwell, 1984. Die Autos kämen in Berlin keine 20 km weit, dann hätte sie der Straßenmob klein gemacht.
Allen Gleichgültigen und Befürwortern soll an dieser Stelle gesagt sein, dass Street View und Streetside nur der Anfang eines viel intensiveren Eindringens in unsere Privatsphäre sind. Denn schon heute wäre es technisch möglich, auf jede Straßenlaterne eine Web-Kamera zu montieren, diese über eine kleine Solarzelle mit Energie zu versorgen, über WLAN zu vernetzen und die so ständig erzeugten Bilder ins Internet abzuspulen. Also nicht mehr Streetside, sondern sozusagen »Streetside live«.
Heute scheitert das noch an den Kosten. Aber in fünf bis zehn Jahren kostet so ein Modul in Großstückzahlen nur noch rund 20 US-Dollar. Ergo: 30 Mio. Laternen x 20 US-Dollar sind 600 Mio. US-Dollar Produktkosten – ein Klacks für Mrd.-Konzerne wie Microsoft oder Google. George Orwells »1984« verkommt zu einem müden Abklatsch dagegen. Wie heißt es so schön: Wehret den Anfängen.
Und deswegen gibt es keinen Aufschrei der Politiker, weil sie dank Microsoft und Google endlich das bekommen, was sie eigentlich selbst wollen: die totale Überwachung des Bürgers. Und der merkt es noch nicht mal. Im Gegenteil: Viele befürworten es, weil’s doch eine nette Sache ist. Eine super Konstellation. Und deswegen ist auch dieser komische Verein nicht mehr als ein Deckmäntelchen, um nach außen hin sogar noch bürgerfreundlich zu agieren. Nur der Vollständigkeit halber: In dem Verein haben zum Start der Branchenverband Bitkom sowie die Deutsche Post, Deutsche Telekom, Google, Microsoft, Nokia, ED Encourage Directories und Panolife organisiert.
»Mit Selbstverpflichtungen lassen sich viele Herausforderungen der Onlinewelt schnell und pragmatisch angehen«, lässt sich Harald Lemke. Vorstandschef des Trägervereins und zugleich Post-Manager, zitieren. »Es liegt schließlich im ureigenen Interesse der Informationswirtschaft, dass die Menschen Vertrauen in das Internet und seine Dienste haben.« – Wenn es nicht so abstrus wäre, könnte man direkt drüber lachen…