13.12.2003 (kfr) Drucken

Datenrettung – Die Erfolgsquote liegt bei 80 Prozent

Es kann jeden IT-Anwender treffen, jeden Tag. Mögliche Auslöser für den »Crash« existenzieller Datenbestände gibt es mehr als genug. Hilfe bieten professionelle Datenretter. Bei der Rekonstruktion beschädigter Datenbestände gelingt ihnen immer wieder das vermeintlich Unmögliche.

von Siegfried Dannehl

In Zeiten globaler Vernetzung stellen elektronisch gespeicherte Unternehmensdaten wie Kundendatenbanken, Bilanzen, Vertriebsberichte, Umsatzstatistiken, Wettbewerbsaktivitäten, Produktinformationen, Aufträge, Lieferscheine, Rechnungen oder Lagerlisten elementare Geschäftsgrundlagen dar. Der komplette oder selbst teilweise Verlust dieser Datenbestände, kann für Unternehmen fatale Folgen bis hin zur Geschäftsaufgabe haben.

»Murphys Gesetze« und eigene Fehler

 Zum Vergrößern anklicken!  Wie kommt es zum Datenverlust?
Wer die Liste möglicher Auslöser eines Daten-Crashs auf unvorhersehbare Hardware- oder Softwarefehler und vielleicht noch Computerviren reduziert, liegt falsch. Häufig sind es gerade banale Ursachen, die zur Katastrophe führen: Eine glimmende Zigarette, welche die Oberfläche eines Magnetbandes oder einer CD beschädigt, der verschüttete Kaffee, der zielsicher seinen Weg bis zur Systemfestplatte findet und dort einen Kurzschluss in der Elektronik verursacht, oder das Notebook, das während eines Autounfalls durch das Fahrzeug geschleudert und schwer beschädigt wird. Bereits das Umfallen eines aufgestellten Tower-Gehäuses reicht aus, die zulässige Schockbelastungen der darin befindlichen Harddisk um ein Vielfaches zu überschreiten.

Neben den aufgezählten Unwägbarkeiten erweist sich der IT-Anwender selbst als konstanter Risikofaktor. Durch Bedienfehler, wie beispielsweise die fälschlicherweise initiierte Formatierung einer Festplatte, ist er für gut ein Drittel aller Datenverluste persönlich verantwortlich.

Kein Grund zur Panik für Benutzer, die regelmäßig Datensicherungen auf Backup-Tapes durchführen, mag man denken. Abgesehen davon, dass selbst bei täglicher Sicherung im ungünstigsten Fall die Leistung eines kompletten Arbeitstages verloren gehen kann, erweist sich diese weit verbreitete Vorsichtsmaßnahme in der Praxis gelegentlich als trügerisch. Da stellt sich dann im Krisenfall heraus, dass sich das Backup-Laufwerk im Laufe seiner jahrelangen Benutzung kontinuierlich dejustiert hat und ältere Bänder mittlerweile nicht mehr lesbar sind. Vereinzelt erweisen sich Backup-Tapes im Ernstfall auch aufgrund von Bandalterung, Verschleiß oder dem Einfluss magnetischer Felder als unbrauchbar. Selbst wenn der Anwender alle Sicherungsmaßnahmen akkurat durchgeführt hat, reicht letztendlich ein Wasserschaden oder ein Brand in der EDV-Zentrale aus, die dort befindlichen Datenspeicher komplett unbrauchbar zu machen.

Datenretter gefragt wie nie

 Zum Vergrößern anklicken!  Peter Böhret
Modernste Speichertechnologien und ein wachsendes Bewusstsein für die Relevanz elektronischer Informationen haben die Arbeit von Datenrettern bisher nicht obsolet gemacht - ganz im Gegenteil. »Wir verzeichnen kontinuierliche jährliche Zuwachsraten von 20 Prozent«, erklärt Peter Böhret, Geschäftsführer des in Böblingen ansässigen Datenretters Kroll Ontrack. Etwa 5.000 Fälle werden allein die Spezialisten seines Unternehmens bis zum Jahresende zu bearbeiten haben. Auf etwa 40.000 schätzt Böhret die jährliche Zahl katastrophaler Datenverluste in Deutschland. Nur die Hälfte der defekten Medien, zu einem überwiegenden Teil sind es Festplatten, landet bei Datenrettern. Während bei circa 10.000 davon eine vergleichsweise »einfache« Datenrekonstruktion durch Software-Tools bei lokalen semi-professionellen Dienstleistern erfolgt, ist in 10.000 Fällen die Hilfe hochqualifizierter Profi-Labors gefragt.

Dass selbst fehlerredundante Festplatten-Arrays in der Praxis kein »Rundum-Sorglos-Paket« sind, beweist die steigende Zahl funktionsunfähiger RAID-Systeme, die bei Datenrettern landen. Neben Problemen mit dem RAID-Controller und Bedienfehlern, erweist sich nicht selten die Tatsache als Schwachpunkt, dass das eingebaute Disk-Drive fast immer aus der gleichen Fertigungsserie stammt. Fällt ein Laufwerk aus, ist die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Plattenausfalls und eines damit verbundenen Datenverlustes hoch.

Große Bedenken hegt Peter Böhret insbesondere gegenüber den immer beliebter werdenden preiswerten IDE-RAID-Systemen. »IDE-Platten sind definitiv nicht für die Nutzung in professionellen Umgebungen konzipiert. Der Einsatz derartiger RAID-Systeme zeugt nicht vom verantwortungsvollen Umgang mit den Datenbeständen eines Unternehmens«, argumentiert Böhret und warnt vor hohen Ausfallraten nach zwei- bis dreijährigem Betrieb.

Mobilität fordert Tribut

Wesentliche IT-Entwicklungstrends der letzten Jahre sind nicht spurlos an den Datenrettern vorbei gegangen. Bei 17 Prozent der zerstörten Festplatten handelt es sich mittlerweile um Harddisks aus dem Mobile- und Notebook-Umfeld. In Relation zur installierten Basis finden sie überproportional häufig den Weg in Datenrettungslabors. Auch bei der Schwere der Schäden haben Notebook-Laufwerke im Vergleich zu Desktop-Festplatten eindeutig die Nase vorn. 84 Prozent der bei Kroll Ontrack untersuchten Mini-Harddisks wiesen physikalische Schäden auf und mussten im Reinraum unter hohem Aufwand analysiert und rekonstruiert werden.

Ein weiterer Technologietrend der letzten Jahre, die weltweite Vernetzung, erweist sich demgegenüber als vorteilhaft für die Datenretter. Immer mehr Datenrekonstruktionen können Online, beispielsweise über den von Kroll Ontrack angebotenen »Remote Data Recovery«-Service (RDR), abgewickelt werden. Über ein separates Modem oder über das Internet können sich Datenretter an ein defektes IT-System ankoppeln und Software-Fehler wie beispielsweise Boot-Probleme per Fernzugriff beheben.

Bereits 10 Prozent aller Datenrekonstruktionen bei Kroll Ontrack laufen eigenen Angaben zufolge Remote ab. Ein Prozentsatz der steigerungsfähig ist. Theoretisch könnten, so Böhret, bis zu 40 Prozent aller Datenrettungen per Fernzugriff durchgeführt werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: Jede Minute, in der wichtige Daten nicht verfügbar sind, bedeutet für ein Unternehmen Wartezeit, Produktionsausfall und in letzter Konsequenz einen monetär messbaren Verlust. Ein weiterer Pluspunkt: Betroffene Firmen müssen sensible, sicherheitsrelevante Daten zwecks Rekonstruktion nicht mehr außer Haus geben.

Erfolg durch Erfahrung und Intuition

Die rasante Entwicklung technologisch immer aufwändigerer Datenaufzeichnungsverfahren mit immer höheren Datendichten, höherer Geschwindigkeit und höherer Kapazität, betrachtet Kroll-Ontrack-Geschäftsführer Böhret als Herausforderung. »Wir jagen ständig den Entwicklungen der Speicherhersteller hinterher. Obwohl wir weltweit über exzellente Kontakte zu allen führenden Storage-Anbietern verfügen, verraten sie uns natürlich nicht alle ihre Fertigungsgeheimnisse.«

Erfolgsquote der Datenrettungs-Detektive bei 80 Prozent

 Zum Vergrößern anklicken!  Im Reinraum
Über 50 hochqualifizierte Reinraum-Ingenieure und eine separate 14 Mann starke Entwicklungsmannschaft für Reinraumtechnik verfügt Kroll Ontrack weltweit. »Datenretter sind Detektive, Routinearbeit gibt es nicht«, beschreibt Böhret das Anforderungsprofil erfolgreicher Datenretter. »Jahrelange Erfahrung ist ein »Muss«, reicht aber gelegentlich nicht aus.« Oft sei es die Intuition, die letztendlich zum Erfolg führe. Dementsprechend kann sich die Erfolgsquote professioneller Datenrettungsunternehmen sehen lassen. In etwa 80 Prozent aller Fälle - unabhängig vom Speichermedium und vom eingesetzten Betriebssystem - können heute wichtige Kundendaten und Dateien wieder hergestellt werden.


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